„Als letzte noch Lebende meiner Familie, möchte ich ihr die Stimme geben, sodass es nicht in Vergessenheit gerät“

INTERVIEW MIT CARMEN MELANIE SPITTA VOM 01. AUGUST 2018.

Carmen Spitta lebt und arbeitet in Deutschland, Frankfurt am Main. Im Kindesalter zog sie mit ihren Eltern Arnold Spitta, Autor und Melanie Spitta, (1946- 2005) deutsche Sinteza, Bürgerrechtlerin und Filmemacherin, nach Argentinien, wo sie einige Jahre lebte. Ihre Mutter klärte ab den 70er Jahren über die damals noch unbekannten NS-Verbrechen an Sinti auf und kämpfte für eine Wiedergutmachung an den Zigeunern, Sinte in der BRD. Durch die Arbeit an den Filmen „Das Falsche Wort. Wiedergutmachung an Zigeunern, Sinti in Deutschland?“ (1987) und „Es ging Tag und Nacht, liebes Kind. Zigeuner, Sinti in Auschwitz“ (1981) gemeinsam mit der Filmemacherin Katrin Seybold (1943- 2012), kamen erstmals Überlebende der Sinti in der Öffentlichkeit zu Wort. Außerdem machten die Filme, die nach dem Krieg fortgeführten diskriminierenden Praxen, der TäterInnen sichtbar. Mit dem Material zu den Filmen öffneten sie die „Büchse der Pandora“, weil bis dahin nichts über die RassenforscherInnen und Kriminalpolizisten veröffentlicht war.

Außerdem setzte sich ihre Mutter gegen die Bevormundung von wohlwollenden Sozialarbeitern, Bürgerrechtlern und manchen journalistischen Zigeunerspezialisten ein. Da dies eine „neue Form der Diskriminierung ist, die subtiler sind, die mir aber mindestens ebenso gefährlich erscheinen, vor allem deshalb, weil sie unter dem Deckmantel der selbstlosen Hilfe, des Engagements für die Zigeuner geschieht“ (Melanie Spitta).
Des Weiteren warnte sie davor Sinti und Roma in einem Atemzug zu nennen, da eine traditionell und kulturell bedingte Distanz besteht. „Deutsche Roma, deutsche Sinte und Roma aus den osteuropäischen Ländern haben unterschiedliche politische Forderungen, weil sie in unterschiedlichen Situationen leben. Die Lebensbedingungen und die Verfolgungsgeschichten der osteuropäischen Roma sind von denen der deutschen Sinte grundlegend zu unterscheiden“ (Melanie Spitta).
Sie wendete sich auch gegen Profilierungssüchtige, Vormünder und Besserwisser innerhalb der Organisationsstrukturen und Repräsentanten.

Anknüpfend an die Tradition der Weitergabe des Wissens an die nächste Generation und des Nachrückens, suchte Carmen Spitta nach dem Tod ihrer Mutter den Kontakt zu den OrganisatorInnen der Auftaktveranstaltungen bezüglich ihrer Filme.
Als Katrin Seybold davon erfuhr, ließ sie eine einstweilige Verfügung erstellen, die ihr verbieten wollte, dass sie indirekt oder direkt behaupte, dass sie Urheberrechts-, Verwertungs- und Persönlichkeitsrechte von den Filmen hat.
Im Jahre 2007 kam es dann zum Gerichtsverfahren mit Katrin Seybold. In der ersten Instanz verlor Carmen Spitta, aber der Fall ging dann in die Berufung und in der zweiten Instanz gewann sie alle Filmrechte, außer die des Films „Das Falsche Wort“. Durch den Prozess fing Carmen Spitta an, sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Angefangen bei ihren Urgroßeltern und dem SS-Sammellager Mecheln, im belgischen Mechelen bis zu den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Sie erhielt die Möglichkeit zur Akteneinsicht im Innenministerium in Belgien, Brüssel und gelang so zu neuen Informationen über ihre Großfamilie. Bei ihren Recherchen zur Familiengeschichte und der Arbeit an einem Ausstellungsprojekt erlebte Carmen Spitta Ressentiments und Hindernisse vor der sie von ihrer Mutter gewarnt worden war.

“Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst”

Dieser Artikel ist in Versorgerin – Zeitung der Stadtwerkstatt, Ausgabe #116, Dezember 2017 erschienen.

Macht, Ausschluss und die Darstellung von weißem Wissen im Fach Ethnologie.

Als ich 2013 zu studieren begann, hatte ich bereits eine Vorahnung, dass die Ausbildung in diesem Institut mit meiner sozialen und politischen Position stark verbunden sein wird. Mich motivierte die Tatsache, dass ich bald in der Lage sein würde aus dem Fach heraus eine »legitime« Kritik zu formulieren und eine neue Perspektive auf das Erforschen von Roma durch anthropologische Methoden zu entwickeln.
Dies wollte ich tun, indem ich problematische Herangehensweisen oder rassistische Annahmen sichtbar mache. Doch gerade das, was ich als meine Vorteile betrachtete, meine Sozialisation und meine Positionierung, werden als Nachteile bewertet. Dies wird markiert durch die Aussagen wie, ich sei unwissenschaftlich. Letztlich erlangte ich dadurch Kenntnisse über die Erhöhung weißen Wissens, die Aufrechterhaltung von Macht und die Abwertung von »Anderem« Wissen.

“Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst”

Der Titel »Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst.« (Seybold 2005: 20) ist von Melanie Spitta (1946-2005), Filmemacherin, Bürgerrechtlerin und Publizistin. Sie realisierte Ende der 1980er Jahre mit der Regisseurin Katrin Seybold das Filmprojekt »Das falsche Wort. Wiedergutmachung an Zigeunern in Deutschland?«. Robert Ritter und Eva Justin untersuchten 1938 die Großfamilie von Melanie Spitta.
Kurz danach floh die Familie aus Deutschland nach Belgien, dennoch überlebten nur wenige Auschwitz.
Am Anfang von »DAS FALSCHE WORT« sagt Melanie Spitta: »Dafür habt ihr Deutschen Mut aufgebracht. Aber dafür einzustehen, wie diese Morde zustande gekommen sind und zugelassen wurden, fehlte den meisten von euch der Mut«. Durch ihre Recherchearbeit, Filmprojekte und Engagement, wurden Dokumente, Fotos und Videomaterial der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die im Verborgenen gehalten werden sollten[1].

Nach der Sendung des Films im deutschen Fernsehen schrieb Hermann Arnold einen empörten Brief an den damaligen Intendanten des ZDF Dieter Stolte. Er war in der Nachkriegszeit ein Gefängnispsychiater und Medizinalrat im Gesundheitsamt Landau und Sachverständiger für »Zigeunerfragen« beim Bundesfamilienministerium[2] (Seybold 2005: 8). In dem Brief beschuldigte er die Filmemacherinnen der Verleumdung. Am Ende des Films schloss Melanie Spitta folgendes Fazit über die Rasseforscher_innen und die Polizei: »Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst« (Seybold 2005: 20).
Die Konklusion verdeutlicht die Widersprüchlichkeit der Argumentation nichts über einen Völkermord gewusst zu haben, obwohl sie die wissenschaftlichen Grundlagen geschaffen hatten.

Reaktionen

Ende der 1950er Jahre hatten einige Sinti mit Prof. Siegmund Wolf versucht Eva Justin vor Gericht zu bringen. Hermann Arnold wurde dazu als Sachverständiger vernommen und schrieb dies an den ehemaligen Kriminalinspektor bei der Reichszentrale für das Zigeunerunwesen, Josef Eichberger, damals bereits wieder Leiter der Bayerischen Landfahrerzentrale (Seybold 2005: 10-11):

»Gegen Fräulein Dr. Justin scheint man zu intrigieren. Ich bin der Meinung, daß das ein riesen Unsinn ist, denn man kann nicht aus den Verhältnissen von 1958 heraus Dinge erörtern, die im Jahre 1940 geschehen sind. Schließlich ist die Zeit auch ein versöhnender Faktor und wenn über eine dumme Sache endlich Gras gewachsen ist, sollte man nicht einem Esel erlauben, es wieder wegzufressen« (Seybold 2005: 11).

Für Hermann Arnold ist eine Kritik zu formulieren oder eine Intrige zu stellen gleichwertig.
Notwendige Schritte für die Aufarbeitung der Verbrechen stempelt er als heimtückisch ab.
Die Zeit versteht er als etwas, in der das Schweigen und Verdrängen ausgeübt wird und Vergangenheit nicht bewältigt werden kann. Das Vergasen und Verbrennen von Millionen von Menschen titulierte er als »dumme Sache«, über die endlich Gras gewachsen sei. In dem Zusammenhang ist zu fragen, ob das Gras als ein Symbol für den deutschen Wohlstand, das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit zu verstehen ist, das nicht wieder vernichtet werden soll.

Eva Justin und Dr. Ritter bei ihrer Arbeit von Karl Stojka 1990.

Im politischen Strom der Zeit schwimmen

Bei dem BA-Abschlusskolloquium im Sommersemester 2017 erhielt ich das Feedback, ich sei unwissenschaftlich und moralisierend. Besonders problematisch war der Kommentar, dass der damalige Rasse-Konzept-Gedanke für die ehemalige Zeit üblich gewesen sein soll. Dieses Argument »das ist üblich für die Zeit« ist eine eurozentrische Sichtweise. Dadurch werden subalterne3 Positionen delegitimiert.
Es macht die sozial-politischen Positionen unsichtbar, welche von Rassismus betroffen sind und diejenigen, die sich im Widerstand befanden.

Eben dieses Argument des gängigen Rasse-Konzept-Gedankens für die damalige Zeit benutzte Hermann Arnold, um die Rassenforscher_innen vor Gericht schuldfrei zu sprechen:

»Justin ist in den letzten Jahren wiederholt das Ziel publizistischer Angriffe gewesen, doch sind alle gerichtlichen und disziplinarischen Untersuchungsverfahren als ergebnislos eingestellt worden.
Dies dürfte Beweis genug sein, daß Ritter und seine Mitarbeiter sich keiner Verbrechen schuldig gemacht haben. Sie sind im politischen Strom ihrer Zeit mitgeschwommen, mit oder gegen ihren Willen.
Wer wollte heute darüber richten?« (Arnold 1965: 294).

Darüber hinaus rechtfertigte er die »Zigeunerforschung« damit, dass Robert Ritters »erbgeschichtliche Forschungsrichtung zu dieser Zeit ausgesprochen aktuell«[4] war und propagiert in seinem Buch »Die Zigeuner[5]« die Lehren Robert Ritters. Anschließend bedankt er sich für die »wertvolle Informationen«, die der Nachlass von Robert Ritter lieferte, den er als »greisen Nestor der Romani-Philologie« bezeichnete (Arnold 1965: 196).

Reaktionen II

Seltsamerweise bin ich die Einzige im Klassenverband, bei der eine moralische Haltung kritisiert wurde.
Als der Knochenfund von 2014 bei der Universitätsbibliothek[6] angeführt wurde, sollte die Präsentation langsam beendet werden. In dem Essay von Sara Ahmed »Feminist Killjoys« (2010) beschrieb die Autorin, dass die Feministin, als diejenige betrachtet wird, die Probleme macht und den Frieden stört.
Darüber zu sprechen wird damit gleichgesetzt ein Problem zu verursachen und nicht damit das Problem zu erklären (Ahmed 2010: 7-9). Die kritischen Interventionen innerhalb der Anthropologie in den USA seit den späten 1960er Jahren, welche eine Krise im Fach selber auslösten und danach zu einer Neuausrichtung führten sind ein gutes Beispiel für konstruktive Kritik. Im Bezug auf die Geschichte der »Zigeunerforschung« herrscht eine historische und politische Apathie vor.
Daraus folgt, dass keinerlei Wissen zur (Verfolgungs-)Geschichte der Menschen existiert, deren Kultur und soziales Leben aber weiterhin im Fach erforscht werden.

[1] Die Rasseforscher_innen und Polizeibeamt_innen hatten ihr Material der Öffentlichkeit nicht zugänglich gemacht. Die unterschlagenen Erlasse waren der Beweis dafür, dass sie mit ihrer Arbeit Tausende von Sinti in die KZs brachten wegen Wahrsagens, Vergehens gegen das Naturschutzgesetz, oder weil sie nach »Zigeunerart« herumgezogen waren, weil sie Musiker_innen waren oder sich nie um feste Arbeit bemühten (Asozialenerlaß) (Seybold 2005: 13).
[2] Er führte in seinen Publikationen die Arbeit von Robert Ritter fort, indem er die Abgrenzung von »Zigeuner« und »Bastardzigeuner« wissenschaftlich ausarbeitete. In »Vaganten,…« chreibt er am Schluss er stehe in besonderer Schuld bei Eva Justin, ehemalige Mitarbeiterin von Robert Ritter im Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Institut. Das Geleitwort stammt von Otmar von Verschuer, ehemaliger Direktor (1942-1945) des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A). Arnold und Verschuer waren Mitglieder der Akademie für Bevölkerungswissenschaft, in der sich nach dem Krieg dann auch die Nazi-Theoretiker wie Hans F. K. Günther, genannt »Rassen-Günther«, Heinrich Schade, Ilse Schwidetski, Eugen Fischer und Robert Ritter wieder zusammenfanden (Seybold 2005: 8).
[3] »Gayatri C. Spivak (1995) poses the question, Can the subaltern speak? To which she replies, No! It is impossible for the subaltern to speak or to recover her/his voice, for even if she or he tried with all her/his strength and violence, her/his voice would still not be listened to or understood by those in power« (Kilomba 2008: 26).
[4] Arnold 1965: 296
[5] Hermann Arnold bleibt im Denkmuster der physischen Anthropologie : »Ehe nicht die Ergebnisse der Untersuchung an enggezüchteten Zigeunergruppen vorliegen, sind die Voraussetzungen für eine tragfähige Zigeuneranthropologie noch nicht erfüllt. Die von der Arbeitsgruppe Robert Ritters (1938-1942) erarbeiteten Ergebnisse der Untersuchung aller in Deutschland lebenden Róm-Zigeuner (genealogisch, anthropometrisch, morphologisch und serologisch) harren noch der Auswertung« (Arnold 1965: 272). Des Weiteren untersucht er das Thema der sogenannten »Bastardisierung« von »Zigeunerstämmen« auf Grundlage von Eugen Fischers »Rehobother Bastarde und das Bastardproblem« (Arnold 1965: 262-284). Schließlich äußert er in der Schlussbemerkung: »Wir haben ein Negerproblem im eigenen Land« (Arnold 1965: 297). Prof. Rudolf Gunzert, Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main, artikuliert im Nachwort Thesen, die sich an die NS-Ideologie lehnen: »Die Zigeuner sind Menschen, die mit uns lediglich in einer ökonomischen Symbiose leben, die aber keinerlei Zeichen einer Akkulturalisation, geschweige denn Integration erkennen. Allem sozialen Wandel der Wirtsvölker zum Trotz hat sich die quasi-parasitäre Lebensweise der Zigeuner erhalten. (Arnold 1965: 299-300).
[6] Im ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie (KWI-A) finden Lehrveranstaltungen statt.
Eine Gedenktafel am Eingangsbereich erinnert seit 1988 an die NS-Vergangenheit (Max Planck Gesellschaft 1993: 42). Aber Allerwenigste wissen von den Forschungen an den Augen von »Zigeunerfamilien« und den abgetrennten Köpfen der an der Seuche Noma gestorbenen Kinder aus dem KZ-Auschwitz. Josef Mengele, ließ Organe und Körperteile in Chemikalien gefüllte Glasgefäße legen und sendete das Material für Untersuchungen an das KWI-A (Münzel und Streck 1981: 123-124). Sein Lehrer Otmar von Verschuer versteckte und vernichtete Beweismaterial seines Instituts nach dem Krieg und entnazifizierte sich damit selbst (Seybold 2005:8). Seit der Entdeckung eines Knochenfundes in 2014 in der Nähe des ehemaligen KWI-A, die Überreste von NS-Opfern waren, setzte man sie nicht bei und kontaktierte keine Verbände von NS-Opfern. Stattdessen äscherte man den Fund stillschweigend ein. Die heutige unkritische Nutzung lässt darauf schliessen, dass keine institutionalisierte Aufarbeitung hinsichtlich des Völkermords an Sinti und Roma für die Universitäre Einrichtung von Belang sind. Vielmehr kennzeichnet der Umgang eine Politik des Verschleierns.