Freiheit sprechen lassen

Hiermit wird ein Bezug zum letzten Posting („Es ist erschreckend was in den Köpfen vieler vorgeht“) hergestellt.
Nach der Veröffentlichung des Statements, erhielt ich folgende Antwort:

Anonym: „Meine Frage bedeutet im Grunde und ganz radikal formuliert und bis zum Ende ausgesprochen folgendes
1.  ES. HAT. SICH. NIEMAND. ANGEGRIFFEN. ZU. FÜHLEN !
2.  Finde ich es wichtig, nicht mit einer solchen „Bitte“ die Thematik, um die es Dir geht, zu beginnen.
Selbst wenn sich jemand angegriffen fühlen sollte bei der Thematisierung von Porajmos … was dann? Würdest Du den Text dann zurück nehmen, liebe Filiz? Ich denke eher nicht.  
Dann erneut: wofür diese Bitte? Menschen in der hießigen Gesellschaft werden sich bei allem möglichen angegriffen fühlen und besonders, wenn es um Kontroll- und Definitionsmacht geht“.

Die Punkte beziehen sich auf die Einleitung des vorherigen Beitrags, indem die Autorin darum bat, dass der Protestbrief (Stopp Verschweigung des Porajmos in Dokumentation „Das Erbe der Nazis“) geteilt werden solle und anmerkte, dass die Zuhörerschaft in dem Mail Verteiler sich nicht angegriffen fühlen und dass sie sich vorstellen sollen, sie stehen der Thematik wohlgesonnen gegenüber und ignorieren die Autorin.

Denkbar, dass hier unterschiedliche Meinungen vertreten werden, aber die Autorin nimmt sich das Recht heraus die Haltung einzunehmen, die sie für richtig hält und offen anzusprechen was sie beobachtet, selbst zu entscheiden wie sie reagiert und was sie dagegenhalten möchte. Die Autorin erlaubt sich frei zu sein, frei zu denken und frei zu entscheiden.

Einwände können gerne vorgetragen und Gegenvorstellungen formuliert, jedoch sollten diese nicht aufgezwungen und als der einzig gangbare Weg vorgebracht werden.
Warum sollte der Verstand andere darum bitten vorzuschreiben, was und wie man etwas tun soll? Deshalb lehne ich es ab jemanden darum zu fragen, was und wie etwas getan soll.

Des Weiteren hat es etwas mit einer langjährigen Erfahrung zu tun, wenn eine Person, die sich mit der Thematik befasst und (gemeinschaftliche) Forderungen stellt, in jener Art und Weise einen Versuch unternimmt inhaltliche Aufmerksamkeit für einen Protestbrief von (POC) [1] Zuhörer_innen zu erhalten.
Wäre es bequemer von Lügen und Selbsttäuschung auszugehen und zu versuchen daraus etwas zu erschaffen? Sollte man weiterhin vor der Indifferenz, dem Desinteresse und der Ignoranz gegenüber der Forderungen von Sinti, oder den Ansprüchen von Roma [2] ausweichen und so tun, als wenn dieser Zustand tragbar wäre? Oder lässt man es geschehen und beginnt damit gesamthaft zuzuhören? Ist es vorstellbar, dass wenn man ein vollständiges Gehör erreicht, sich die Dinge in ihrer Gesamtheit verändern? Warum wird kein Bewusstsein dafür geschaffen, dass automatische Wiederholungen bedrohlich sind? Woran mag es liegen, dass nicht im vollem Umfang zugehört wird? Liegt es an der Unzulänglichkeit der Vermittlerin, dass die Zuhörer_innen es nicht sofort verstehen, oder sind die Zuhörer_innen außerstande es zu hören?

Anonym: „Zur Verbindung zwischen Verfasser*innen und deren Inhalten:  ich habe tatsächlich die Erfahrungen gemacht, dass wir Menschen beides verbinden bis hin, dass Inhalte aufgrund der Beziehung zu den Verfasser*innen abgelehnt oder zumindest stumm geblieben wird oder freudig aufgenommen werden.
Aus diesem Grund habe ich meine Seminare, WSs oder Vorträge stets so begonnen bzw. lasse ich es einfließen, dass es für mich irrelevant ist, ob ich von der Zuhörerschaft gemocht werde oder nicht; ich sage, dass ich möchte, dass mein Inhalt unabhängig von Sympathie mir gegenüber verarbeitet werden soll.
Das ist bis heute so. Unabhängig sozialer Selbstverortungen im Raum!! Das Menschen dies dennoch machen werden, scheint mir schwer zu verhindern – aber ich spreche es an – wieder unabhängig sozialer Selbstverortungen!! Dafür gilt es sicher auch einen Preis zu bezahlen. Und ja, Konkurrenz, Neid, Misstrauen in Verbindung vor allem mit Ängsten begleiten uns ständig, aber auch bedingungslose Unterstützung und Respekt (…)“.

Die Autorin nahm Stellung in Bezug zu dem Neid, Missgunst und Intrigen innerhalb der Sinti, die in der politischen Öffentlichkeit stehen und zu den Roma, die sich als einzig wahre Sprecher_innen initiieren und andere Positionen verdrängen.
Die Fragen, die sich daraus stellten waren; Was genau sie berechtigt diese Rolle einzunehmen? Mit welchem Ziel führen sie diese Verhältnisse ein? Ist es nicht in ihrem Interesse, dass „ihre“ Menschen Unterstützung erhalten?
Sei es durch das Weitergeben des Wissens dieser Menschen, oder durch das Durchführen einer gemeinschaftlichen Aktion?
Die Autorin nahm sich die Freiheit heraus, das zu thematisieren was nicht in der Öffentlichkeit benannt wird. Ohnedies erhalten die Forderungen von Roma oder die Ansprüche von Sinti wenig Aufmerksamkeit und durch den Neid, Missgunst und Intrigen werden zum einen noch mehr Barrieren aufgebaut und zum anderen wird eine ausweglose und depressive Richtung eingeschlagen.
Die Konsequenzen -Handlungsunfähigkeit, zum Schweigen gebracht werden, tiefe Depressionen, Angst Zustände, Blockaden und Selbstsabotage- können bei den Betroffenen verursacht werden. Dies tritt dann zusätzlich zu der historischen, strukturellen und alltäglichen Unterdrückung in Erscheinung.

„Pure perception is love and in that perception love is intelligence. They are not separate things, they are all one thing“ (J. Krishnamurti).

Anmerkungen:

[1] Berlin zentrierte People of Color Community.

[2] Die Indifferenz, das Desinteresse und Ignoranz existieren auch bei POC Zuhörer_innen, insbesondere bei Einzelpersonen, oder Initiativen die keine staatliche Anerkennung, oder (staatliche und nicht- staatliche) Förderungen erhalten.

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