Zum aktuellen Stand der Antiziganismusbeforschung

Dieser Artikel ist in „Prodomo – Zeitschrift in eigener Sache“, Ausgabe #18, April 2014, erschienen.

von MURAT YÖRÜK

Von einer Aufarbeitung des Porajmos¹ kann bis heute nicht die Rede sein. Die Bundesrepublik hat erst 1982 den bis heute „unterschlagenen Völkermord“ (Michael Krausnick) an den europäischen Roma anerkannt. Indes vernachlässigten sowohl Linksintellektuelle als auch ideologiekritische Diskussionszirkel die Kritik des Zigeunerhasses. Dieser beschämende Umstand scheint sich jedoch derzeit aus sehr beunruhigenden Gründen zu ändern. Massenhafte Abschiebungen von geduldeten Roma aus Deutschland und Frankreich ins Kosovo, mediale Hetze gegen „Zigeuner“ und sogenannte „Roma-Klau-Kids“ und insbesondere pogromartige Aufmärsche und Übergriffe in Südosteuropa – so geschehen im ungarischen Gyöngyöspata im Frühjahr 2011, als Schlägertrupps durch Romaviertel zogen – machen deutlich, dass ein Ende des aufkommenden Zigeunerhasses in Europa vorerst nicht in Sicht ist.

Die antirassistische Linke hat sich des Themas bereits angenommen; so gab etwa der Unrast-Verlag in den vergangenen Jahren mehrere Sammelbände und Monographien zum Antiziganismus heraus.
Im Unrast-Verlag hat man zwar zu „Theorieschwarten“ – um im verlagseigenen Jargon zu bleiben – ein instrumentelles Verhältnis, doch findet sich im Verlagsprogramm zwischen belletristischer Ramschware – mit Titeln wie „Dienstags gibt es Tantra-Sex“ oder „Der schwangere Mann“ – und Diskursanalyse buntscheckigste Lektüre für linksakademischen Nachwuchs mit ausgefallen bizarren Interessen: postkoloniale Gewissensberuhigung, „Geschlechterdschungel“, „Antirassismus“ und „Kurdologie“.

In diesem Umfeld haben junge Autoren, die sich mit dem sonst eher nachlässig behandelten Antiziganismus befassen, einen Nischenplatz gefunden. Dieser zunächst erfreulichen Entwicklung gegenüber ist allerdings Vorsicht geboten. Die betreffenden Titel des Unrast-Verlags behaupten zwar, eine Kritik geleistet zu haben – doch gilt es zu prüfen, ob dieser Anspruch erfüllt wird. Denn der Begriff der Kritik wird gerne im Mund geführt und ist häufig ein schnell benutztes Wort in Genitivkonstruktionen, um die vermeintliche Kritikleistung und nicht selten intellektuelle Zugehörigkeit in einem zum Ausdruck zu bringen. Überschriften, die mit Kritik des Antiziganismus beginnen oder mit Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments enden, sollten sich gegen die Skepsis bewähren, dass es sich um eine ledigliche Etikettierung handelt. Für diese Skepsis gibt es im Fall der anti-antiziganistischen Produkte des Unrast-Verlags handfeste Gründe, die im Einzelnen näher dargelegt werden sollen.

Jargon der Lückenfüller

Der Jargon füllt die Lücke aus, welche der gesellschaftlich notwendige Zerfall der Sprache schuf, in seligem Einklang mit seinen Konsumenten.
(Theodor W. Adorno)

Der Linksakademismus dieser Tage lebt sein wahnhaftes Anstürmen gegen das als logozentrisch diffamierte begriffliche Denken im Insistieren auf den Nominalismus aus. Das Ticket ins akademische Racket wird gesichert durch den Gebrauch ideologisch aufgeladener Edelsubstantive, die heute „Diskurs“, „Konstruktion“, „Othering“, „Repräsentationsregime“, „Bedeutungsproduktion“, „Perspektive“ und „Dekonstruktion“ lauten. Im Jargon des Wissenschaftsbetriebs indes ist das Substantiv „Lücke“ wie eh und je vorherrschend. „Der des Jargons Kundige braucht nicht zu sagen, was er denkt, nicht einmal reicht es zu denken: das nimmt der Jargon ihm ab und entwertet den Gedanken“ (Adorno). Die Arbeit des eifrig bemühten Wissenschaftlers sieht darum vor, eine Forschungslücke zunächst zu erspähen, um sie dann idealiter gekonnt und vorzeigbar – den theoretischen Vorlieben folgend und genügend – zu schließen.
Die Antiziganismusbeforscher jüngster Zeit arbeiten ebenso nach theoretischen Gutdünken, zwar mit politischem Anspruch, aber akademisch eingebettet. „Antiziganismus“ – so lautet ihr Credo – sei nämlich noch nicht ausreichend genug beforscht worden und es sei die Aufgabe des engagierten Wissenschaftlers, diese Lücke zu schließen. Mit ebensolchem Gestus treten die Herausgeber des Sammelbandes „Antiziganistische Zustände“ (2009) auf und sie werden nicht müde, gleich siebenmal in der vierzehnseitigen Einleitung das Wort „Lücke“ in verschiedenen Konstellationen zu gebrauchen, um es dann zur Sicherheit und damit es auch der letzte Hinterbänkler versteht, hier und da noch im Band zu platzieren. Solch ein Bedürfnis an Kitt auf einmal sieht man selten.

Bemüht sachlich, jedoch jargonhaft aufgebläht

So dürfte unter der Leserschaft des Unrast-Verlags die Freude darüber groß gewesen sein, dass Markus End (S. 95-108), der sich als Chefdenker dieses linksakademischen Stoßtrupps aufführt, bemüht sachlich Theodor W. Adorno und Walter Benjamin antiziganistischer Stereotype überführt zu haben glaubt. Die Arbeitsweise des Promovenden vom berüchtigten Zentrum für Antisemitismusforschung erinnert allerdings eher an Plagiatsjäger als an Adorno-Exegeten. Nach dem Motto: Auch ein blindes Huhn kann im Zeitalter der Digitalisierung ein Korn finden, scheint der Promovend in seiner Digitalen Bibliothek der Gesammelten Schriften Adornos zurecht gekommen zu sein und nach genau einem Schlagwort gesucht zu haben. Es hat acht Buchstaben und lautet: Z-i-g-e-u-n-e-r. Nicht anders lässt sich erklären, wie die Collage aus Zitaten zustande kam, welche wild aus Zusammenhängen gerissen, überwiegend aus musiktheoretischen Schriften und einem Schüleraufsatz Adornos entnommen wurden. Letztgenannter Aufsatz dient sogar als Hauptbeweisstück im Prozess gegen Adorno, durch den festgestellt werden soll, dass er bereits als Schüler allein durch die Verwendung des Wortes „Zigeuner“ ein Antiziganist gewesen sei. Die Einfallslosigkeit beim Adorno-Bashing, der Schweinsgalopp durch unverstandene Adorno-Zitate ist selbst für den Unrast-Verlag bemerkenswert. So heißt es großmäulig bei End weiter, die „Kritik des Antiziganismus“ sei in Adornos Werk – man staune – eine „Leerstelle“ (S. 95). Ferner kämen die Formulierungen, in denen Adorno das Wort Zigeuner verwende, in musiktheoretischen Schriften vor. Der Adorno-Kenner End hat eine Erklärung dafür: „Diese Verwendung hängt sicherlich wiederum mit dem klassischen antiziganistischen Stereotyp des ‘musizierenden Zigeuners‘ zusammen, das sich in Adornos Schriften besonders häufig findet“ (S. 99). Das war dann auch schon alles, was End über Adorno zu sagen hat, obgleich er betont: „Es liegt nicht in meinem Interesse, Adorno als Antiziganisten brandzumarken, wie häufig wichtigen Denker_innen Ressentiment nachgewiesen wird und sie damit als erledigt gelten“ (S. 97).

Die Abrechnung mit Walter Benjamin erweist sich als noch sonderbarer und End macht es sich noch einfacher. Triumphierend heißt es in einer für ausreichend gehaltenen Fußnote: „Im Umfeld des Instituts für Sozialforschung [sind] keine Arbeiten erschienen, die sich mit Antiziganismus beschäftigen. Einzige Ausnahme bildet die Rundfunksendung ‘Die Zigeuner‘, die Walter Benjamin für Kinder konzipiert hat. Diese zeichnet sich durch eine vollkommene unkritische Übernahme nahezu aller Klischees über ‘Zigeuner‘ aus, nur dass diese nicht negativ bewertet werden. […] Eine fundierte Kritik dieses Textes steht jedoch noch aus“ (S. 95). Da ist End allerdings nicht ganz informiert! Im Jahr 2004 stellte eine Praktikantin mit Doktortitel im Auftrag des Bundesamtes für Migration eine dreiseitige Expertise aus, mit der Forderung, aus Benjamins Text das Wort „Zigeuner“ zu streichen, da Kindern diese „diskriminierende Sprache“ nicht zuzumuten sei. Die von End mustergültig vorgeführte Realsatire solcher Adorno- und Benjamin-Nicht-Lektüre ist also symptomatisch für die narzisstische Selbstüberschätzung des akademischen Nachwuchses.
Es wird geschwind und von jeder Sachkenntnis befreit abgeurteilt, es wird frischfröhlich kolportiert und zum triumphierenden Vorwurf erhoben, jene inkriminierten Autoren hätten sich mit Antiziganismus nicht beschäftigt; gar noch schlimmer, sie hätten geradezu diesen selbst geteilt.

Ein „Begriffswirrwarr“ nach dem anderen

Die übrigen Beiträge im Sammelband zeichnen sich durch geistige Flexibilität, also Inkonsistenz der Begriffe aus. Während durchgehend übergenau von „Antiziganismus“ die Rede ist, ist manchmal aber auch „antiziganistischer Rassismus“ (S. 67), „Antiziganismus als spezifische Variante des Rassismus“ (S. 39) und „romaphob“ (S. 163) zu lesen. Zusammenfassen lassen sich die Beiträge so: Da ist zum einen eine Theoretikerin (S. 41-66), die über das „Verhältnis der Konstruktion von Geschlecht und Ethnie“ (S. 41) schreibt und das Kunststück vollführt, ihren Baukasten namens Doing Gender eins zu eins auf „Doing Gypsy“ (S. 43) zu übertragen, um am Ende die besorgte Frage zu stellen, ob „der dekonstruktivistische Diskurs als Forderung eines ‘Zigeuner‘ soll es nicht mehr geben verstanden“ werden könne (S. 66). Vielleicht dämmert hier schon ein Bewusstsein über die Unzulänglichkeit der eigenen Methode.
Da ist des Weiteren eine Empirikerin (S. 158-176), die ihrem Gegenstand eine willkürlich ausgesuchte Zeichentheorie aufstülpt, um den Gegenstand, der scheinbar „kaum Angriffsfläche zur Kritik zu bieten“ (S. 159) hatte, doch noch in die Knie zu zwingen, indem er in „Bedeutungsproduktion“ (S. 158), „Prozess des Othering“ (S. 165) und „Repräsentationsregime“ (S. 174) aufgelöst wird. Angeboten werden dann Sätze wie diese: „Entsprechend sind meine Ausführungen zu Bildern und Fotografien in einem diskurstheoretisch-konstruktivistischen Wissenschafts- und Weltverständnis verortet: Die Welt ist nicht an sich, sie wird [sic!] stets situiert“ (S. 160, Hervorhebungen im Original). Man fragt sich fast schon besorgt: An welchem Ort ist die Autorin bloß gelandet, wo die Welt tatsächlich „stets situiert [wird]“, und nicht bereits ist? Der konstruktivistische Selbstwiderspruch, der da besagt, es gebe keine Wahrheit, weil alles konstruiert sei – gleichwohl wird das für absolut wahr gehalten – tobt sich auf 20 Seiten aus und haut Sätze wie diese raus: „Schließlich ändern sämtliche wohlmeinende und doch paternalistische Intentionen der Fotografen nichts am grundsätzlichen Problem eines reduktionistischen Blicks auf Menschen hinsichtlich ihrer ethnischen Andersartigkeit und nichts an der Tatsache, dass diese Bilder aus ökonomischen Interesse gemacht wurden und damit anknüpfbar sein müssen an mehrheitsgesellschaftliches Wissen“ (S. 175, Hervorhebungen und Fehler im Original). Wie über „ethnische Andersartigkeit“ sonst geschrieben und geredet werden soll und was „mehrheitsgesellschaftliches Wissen“ ist – darüber gibt die Autorin keine Auskunft und bei Sätzen wie diesem darf sie sich nicht wundern, wenn der Leserschaft die Lust am Lesen vergeht, sind diese Sätze doch nichts als aufgeblähte Worthülsen, die beweisen sollen: Ich beherrsche den linksakademischen Jargon.

Da ist dann weiter eine Theoretikerin der Zeitschrift Exit (S. 24-40), die einen der interessanteren Aufsätze des Sammelbandes geschrieben hat und einige triftige Gedanken über „Zigeuner in der Arbeitsgesellschaft“ (S. 24) äußert. Am Ende aber bleibt es bei der wenig originellen Feststellung, es gebe einen „strukturellen Antiziganismus“ (S. 37), der mit dem strukturellen Antisemitismus vergleichbar sei und sich „in der Angst vor dem Abgleiten in die Asozialität“ (S. 29) gegen Arbeitslose, Obdachlose und ALG-II-Empfänger richte.

Die restlichen Beiträge bieten Medien- und Textanalysen über Kinder- und Jugendliteratur (S. 177-202) und zum „bundesdeutschen Erinnerungsdiskurs“ (S. 110-156), wieder andere sind im Verhältnis zu den hier vorgestellten theoretisierenden Beiträgen durch detailreiche Studien über Zigeunerhass in Rumänien (S. 204-232), Italien (S. 233-250) und Kosovo (S. 251-260) zwar interessant, aber erschöpfen sich durch die bloße Aufzählung historisch-empirischer Fakten. Wirklich empfehlenswert ist einzig der Aufsatz des Autoren Jan Severin (S. 67-94), der an der deutschsprachigen Ethnologie – der Tsiganologie – kein gutes Haar lässt und ihre Ideologieproduktion offenlegt.

Es wird nicht besser

Im Folgeband „Antiziganistische Zustände 2“ (2013) finden sich alle bislang kritisierten Punkte wieder: Theoretisierende Aufsätze finden sich unter empirische Arbeiten von Doktoranden gestreut, die ihre Forschungsergebnisse zum „Menschenhandelsdiskurs“ (S. 162-180), zur „Intersektionalität“ in Tschechien und der Slowakei (S. 181-196) und des Weiteren in drei Aufsätzen zu „Fremdbildern“ (S. 74-137) vorstellen. Länderstudien über Ungarn (S. 197-216) und Frankreich (S. 217-243) runden in lückenfüllendem Fleiß den Sammelband ab. Der durch nichts zu bremsende, abschnurrende Jargon ist weiterhin unerträglich und hält Sätze wie diese bereit: „Frappantes Auftreten, selbsternannte Ordnungsbefugnisse, sprachliche Performativität und die Kontingenz weiterer Provokation führen dazu, dass sich in der Folge räumliche Konstellationen neu ergeben“ (S. 211). Der Autor wollte wohl sagen: Zigeunerhasser marschierten in Ungarn uniformiert und bewaffnet in Romaviertel ein und übten Terror und Gewalt aus. Ganz krude wird es, wenn Abschiebungen von Roma in einem der vom Gegenstand ganz unbeschwert abstrahierenden Beiträge zur „Regierungstechnik“ (S. 217) und „Diskursverschiebung“ (S. 229) verklärt und kryptische Sätze wie diese auf unschuldiges Papier gedruckt werden: „Das spezifische Verhältnis der Aneignung, Kontextualisierung, Einhegung, Zurückweisung und Reformulierung antiziganistischer Rhetorik durch die französische Regierung und die auf einer leeren Menschenrechtsrhetorik basierende Zurückweisung derselben bei gleichzeitiger Fortführung des Diskurses über Roma und ihre vermeintliche defizitäre Einbindung in Strukturen nationalstaatlicher Kontrolle und kapitalistischer Produktion empfiehlt eine solche übergeordnete Perspektive auf den Diskurs in seinem strategischen Verhältnis zum antiziganistischen Ressentiment“ (S. 242f.)
Die Autorin wollte wohl sagen: 1. Gewalt an Roma verkläre ich euphemistisch zu „antiziganistischer Rhetorik“. 2. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Kapitalakkumulation und Zigeunerhass.
3. Zigeuner werden qua Herkunft als Überflüssige aus der kapitalistischen Produktion ausgeschlossen. 4. Das Menschenrecht steht nicht im Widerspruch zum Rassismus. 5. Ich bevorzuge den akademischen Nominalstil.

Im zweiten von Markus End herausgegebenen Band wiederholt sich die Tragödie. Zwar gibt End den akademischen Diskussionsstand über den Neologismus „Antiziganismus“ übersichtlich wieder, versucht sich an einer „Genese des Begriffs“ (S. 39) und präsentiert die bisherigen Definitionsversuche der Antiziganismusbeforscher sachlich genau. End ist jedoch nicht in der Lage, diesen nominalistischen Begriffspotpourri zu überschreiten oder zu kritisieren, sondern setzt dem Wirrwarr mit seiner eigenen Definition noch eins drauf (S. 47). Vorschläge wie „Romaphobie“, „Anti-Romaismus“, „Rassismus gegen Sinti und Roma“, „Zigeunerhass“ und „Zigeuner-Ressentiment“ schlägt er bemüht aus und macht sich stark für die „Verteidigung eines wissenschaftlichen Begriffs in kritischer Absicht“ (S. 39). Dies sieht allerdings so aus, dass End alle Einwände – etwa, dass „Antiziganismus“ ein Neologismus und dem Begriff des Antisemitismus angelehnt sei – zwar anerkennt, doch an „Antiziganismus“ beharrlich festhält. End betont, dass „das Phänomen nicht umstandslos unter die Begriffe ‘Rassismus‘, ‘Fremdenfeindlichkeit‘ oder gar ‘Antisemitismus‘ zu subsumieren und dadurch seine Spezifik zu verwischen“ sei, doch bleibt fragwürdig, warum dann „analytische Instrumente, insbesondere aus der Antisemitismus- und Rassismusforschung (…) von der Antiziganismusforschung – auch begrifflich – genutzt“ (S. 72) werden sollen. Zum Lesen empfohlen sei lediglich der Aufsatz der Autoren Geelhaar / Marz / Prenzel (S. 140-161). Die Autorengruppe beschreibt das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen als konformistische Revolte und zeigt, dass Medienanalyse und kritische Reflexion verknüpfbar sind. Lobenswert ist zumindest auch der „Versuch einer Bibliographie“ (S. 314-355)².

Es geht auch anders

In einer ganz anderen Liga hingegen spielt die Studie Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung (2011) des Literaturwissenschaftlers Klaus-Michael Bogdal, welche bereits jetzt als Standardwerk zählt und dem im März letzten Jahres der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung verliehen wurde. Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen und liegt inzwischen auch in einer preisgünstigen Ausgabe bei der Bundeszentrale für politische Bildung vor.

Bogdals Studie unterscheidet sich, und das kann hier als erstes festgehalten werden, von allen anderen Publikationen zum Zigeunerhass dadurch, dass er konsequent sein umfangreiches, in zwanzig Jahren mühsamer Forschung zusammengetragenes Material ausbreitet, es beredt macht und in einer klaren Sprache geschrieben kommentiert. Anders als im Wissenschaftsbetrieb üblich verschließt sich Bogdal nicht davor, die zitierten Darstellungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen und sie historisch einzuordnen, anstatt sie bloß schematisch zu dekonstruieren. Dies beruht auf seiner Insistenz, zwischen dargestellter Wirklichkeit und verstellter Wirklichkeit zu unterscheiden und erteilt damit konstruktivistischen Verfahren eine Absage, die sich vom Begriff der objektiven Wahrheit verabschiedet haben. Der interessierte Leser erfährt auf diese Weise detailliert über Zigeunerbilder nicht nur in der europäischen Literatur, sondern auch in der Geschichte und Politik Europas, wenn Bogdal aus der Betrachtung des Marginalisierten die europäische Kulturgeschichte der letzten 600 Jahre rekonstruiert. An die 300 bekannte und weniger bekannte Werke der europäischen Literatur hat Bogdal hierfür ausgewertet. Die Dokumente, die er heranzieht, sind vielschichtig: Es sind frühe Chroniken und Rechtsquellen, vor allem aber literarische Werke von Miguel de Cervantes und Alexander Puschkin bis Johann Wolfgang von Goethe und Victor Hugo. Auch die Erinnerungsliteratur der Sinti und Roma wird rezipiert.

Bogdal führt mit drei Leitfragen durch das Material: Wie sah der Wissensstand über Roma aus? Wie wurden sie präsentiert?
Und wie wurden diese Bilder weitergegeben? Bogdal legt eine Studie vor, die in einer historischen, drei etwa gleichgroße Kapitel umfassenden Chronologie – vom Spätmittelalter ausgehend bis in die Gegenwart – diese drei Fragen in äußerst verdichteter Form behandelt. Er erarbeitet „eine Genealogie des Wissens über ‚Zigeuner’ in all seinen Ausgestaltungen vom Gerücht bis zur akademischen Wissenschaft, von empirischen Beobachtungen und Lügen“; des Weiteren „eine Archäologie der Formen und Muster, in denen dieses Wissen repräsentiert und tradiert wurde“; und „schließlich eine Kulturgeschichte dessen, was (…) in das historische Gedächtnis Europas eingegangen ist“ (Bogdal 2011: 15). Eine „Erklärung des Nebeneinanders von Faszination und Verachtung“, (S. 10) räumt Bogdal ein, nicht gefunden zu haben und „nur“ eine „Textanalyse“ (S. 16) zu liefern. Somit bleibt zwar eine Ideologiekritik des Zigeunerhasses weiterhin aus, was zunächst einmal enttäuscht, doch Bogdal ist ein Glücksfund für zukünftige ideologiekritische Untersuchungen, die auf materialreiche Arbeiten angewiesen sind. Die vorliegende Studie ist die bislang umfangreichste Quellensammlung zum Thema.

Bogdal schildert zunächst eine verstörende Erfahrung.
Bei Recherchen über die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen – da beabsichtigte er noch nicht, eine Studie über den Zigeunerhass zu schreiben – stieß er auf die Aussage einer damals sechzehnjährigen Schülerin, die an den Ausschreitungen in Rostock teilnahm. In einem Interview teilte sie mit: „Wären Zigeuner verbrannt, hätte es mich nicht gestört. – Vietnamesen schon, aber Sinti und Roma egal“ (S. 9).

In der furchtbaren Opferhierarchie und stumpfen Bösartigkeit der Schülerin, die so lapidar die Roma entmenschlicht, kommt für Bogdal eine über Jahrhunderte tradierte Einstellung gegen Roma zu sich selbst.
„Sie sind ‚nicht Menschen wie wir’, kein Gegenüber, dem man Empathie entgegenbringen kann, weil sie das verkörpern, was der zivilisierte Europäer nicht sein möchte“ (S. 405).

Um dieser Entmenschlichung nachzugehen, führt Bogdal eine deutsche Quelle, eine Schrift des Chronisten Andreas von Regensburg aus dem Jahr 1427 an, in der in einer spätmittelalterlichen „Urszene“ die erstmalige Erscheinung einer Menschengruppe geschildert wird, welche dort als „gens Ciganorum, volgariter Cigäwnär“ (S. 23) bezeichnet werden. In Ungewissheit ihrer Herkunft wurden sie zu „Pilgern aus Ägypten“ erklärt, die zunächst durch Schutzbriefe Sicherheit genossen, alsbald aber für vogelfrei erklärt wurden. Die Frühzeit des Zigeunerhasses, in der sich erste Bilder über „Zigeuner“ verfestigten, bestand in Ächtung und Ausgrenzung, dann Vertreibung und Verfolgung. So hielt man sie für Gefährten des Satans (S.68ff.), ägyptische Magier (S.71ff.), Lumpengesindel (S.116ff.) und unzähmbare Wilde (S.133ff.). Sie standen für Betrug, Faulheit, Diebstahl und Schmutz; und schließlich verdächtigte man sie, für die Osmanen zu spionieren.

Die Entdeckung der Zigeunersprache und ihres indischen Ursprungs gegen Ende des 18. Jahrhunderts führte dazu, dass die Roma schließlich als weiteres „Volk“ wahrgenommen wurden (S.154ff.). Durch die genaue Analyse von fünf Werken³ leitet Bogdal drei gesellschaftspolitische Strategien im Umgang mit Zigeunern ab, die für das 19. Jahrhundert bestimmend waren: disziplinierende Integration, individuelle Emanzipation und kulturelle Vereinnahmung (S.178f.). Dieses neuere Interesse seitens der Anthropologie und der vergleichenden Sprachgeschichte der Aufklärung leitete allerdings zur „Zigeunerromantik“ (S.214) über, in der Trivialisierung, Romantisierung und Idealisierung des „Zigeunerlebens“ vorherrschend sind.

Im Ausgang des 19. Jahrhunderts verschärfte sich der rassistische Blick auf die „Zigeuner“. Bogdal hebt hervor, dass sowohl der Zigeunerhass als auch der Antisemitismus sich aus dem Repertoire rassistischen Denkens bedienen und im „Bild des Parasitären, der verzehrt, was andere geschaffen haben“ (S.317) zusammentreffen. Trotz der Parallele stehe der Zigeunerhass allerdings eher dem Rassismus nahe: „An dieser Stelle lohnt die Bemerkung, dass Zigeunerhass und Antisemitismus meist zu Unrecht gleichgesetzt werden. Während den Juden zur gleichen Zeit unterstellt wird, dass sie ihre wirtschaftliche Macht im Zuge einer Verschwörung zur Erlangung der Weltherrschaft missbrauchen würden, reizt die Nichtigkeit und Infamie der Zigeuner, denen nicht einmal der Rang einer Rasse zugestanden wird, zum Hass. Die Juden repräsentieren das Andere, das man niemals sein kann. Die Zigeuner stellen das dar, zu dem man jederzeit werden kann, wenn man von der sozialen Leiter tief herabfällt“ (S.321).

Diese Position Bogdals unterscheidet sich deutlich von allen hier besprochenen Autoren. Die Antiziganismusbeforschung kokettiert nämlich gerne mit der Kritik des Antisemitismus und lange bevor Wolfgang Benz mit seinen unsäglichen Vergleichen zwischen Antisemitismus und Islamophobie Furore machte, war es der Historiker Wolfgang Wippermann, der zwischen Antisemitismus und Antiziganismus Vergleiche anstellte. Bis zum heutigen Tag hat Wippermann seinen Nachahmern den Grundton vorgegeben, und Sätze wie folgende gelten in der Antiziganismusbeforschung als konsensual: „Ich glaube, daß dieser Antiziganismus genau wie der Antisemitismus historisch gewachsen ist, weshalb beide Ideologien hier mit historischen Methoden analysiert und, wie schon mehrfach angedeutet, miteinander verglichen werden sollen. Dabei möchte ich erstens zeigen, daß Antisemitismus und Antiziganismus viele gemeinsame Züge aufweisen; zweitens daß diese Gemeinsamkeiten durch eine wechselseitige Übertragung von antisemitischen auf antiziganistische und von antiziganistischen auf antisemitische Vorurteile entstanden ist; drittens daß der Antiziganismus im Unterschied zum Antisemitismus niemals in Frage gestellt wurde, sondern immer zum ´kulturellen Code` der Mehrheitsgesellschaft gehörte, weshalb viertens der Antiziganismus im heutigen Deutschland dreimal so weit verbreitet ist wie der Antisemitismus.“ (Wippermann 1997: 13).

Dagegen konstatiert Bogdal: „Der Zigeunerhass [ist] nicht bloß ein Ableger des Antisemitismus, wie vielfach behauptet wird. Wenn man der Entwicklung der Beziehung der Romvölker zur einheimischen Bevölkerung genauer nachgeht, lassen sich für diese Auffassung, die sich nach 1945 angesichts der rassistischen Vernichtungspolitik Deutschlands durchgesetzt hat, die Juden und die „Zigeuner“ in gleichem Maße betroffen hatte, kaum Anhaltspunkte finden. In diesem Buch sollen die Romvölker nicht im Kontext der Geschichte des Antisemitismus und der Judenverfolgung betrachtet werden, in den sie auch von Sinti und Roma selbst aus nachvollziehbaren Gründen gestellt worden sind. Es soll gezeigt werden, dass Wurzeln, Gründe, Entwicklung und Funktion der Verachtung der Romvölker und der Faszination an bestimmten Elementen ihrer Lebensweise andere sind als die des Antisemitismus. (…) Die wichtigsten Unterschiede seien hier nur angedeutet. Während die Romvölker als geheimnisvolle Fremde unsicherer Herkunft galten, zählte das Judentum zu den Wurzeln europäischer Zivilisation und war mit einer anderen, dem Christentum, unlösbar verbunden. Eine ähnlich schwerwiegende Differenz zeigt sich im Hinblick auf die jüdische Selbstdefinition, die auf vielfältige Weise nach außen vermittelt wurde, während über die Kultur der Romvölker kaum etwas in Erfahrung zu bringen war.
Für die Faszinationsgeschichte ist von Belang, dass man die Lebensweise der ‚Zigeuner’, deren schriftlose, die mündliche Tradierung pflegende Gesellschaftsordnung mit den ‚Wilden’ außerhalb Europas verglichen wurde, schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts als Folklore idealisierte. Ohnehin wurden die besitzlosen Romvölker im Gegensatz zu den Juden als Erscheinung der Wälder, der Heide, der Steppen und der Wege wahrgenommen und nicht als Figuren der Städte, des Handels, der Wissenschaft und der Kultur“ (S. 11).

Wie problematisch eine auf reine Textanalyse beschränkte Arbeitsweise ist, wird im Abschnitt zum Nationalsozialismus besonders deutlich.
Aus Mangel an literarischem Material wirken die gerade einmal zehn Seiten aus dieser Zeit eher wie eine historische Marginalie denn wie eine umfassende Analyse. Hierin besteht die grundsätzliche Problematik in dieser Studie. Bogdal verzichtet auf die Reflexion seiner Arbeitsweise und das Verhältnis von Gesellschaft und Literatur bleibt unbestimmt. Darüber hinaus wünscht man sich auch eine Diskussion darüber, ob und wie trotz zigeunerfeindlichen Gehalts die vielen, auch literaturgeschichtlich bedeutsamen Werke dennoch ihre ästhetische Autonomie behaupten können, will man nicht in politisch korrekten Realismus und politisierte Sprache verfallen.

„Das Buch endet hier, nicht jedoch die Geschichte, die es erzählt hat“ (S.483) – so schließt Klaus-Michael Bodgal seine Studie ab und ähnlich möchte ich hier enden: Die Rezension endet hier, nicht jedoch die Kritik, die es nun erst zu entfalten gilt. Hierzu wäre erstens Arbeit am Begriff vonnöten, zweitens die materialistische Entfaltung der Kritik des Zigeunerhasses und drittens wäre das Verhältnis von Antisemitismus und Zigeunerhass zu bestimmen und zwar dergestalt, dass Relation und Unterschied deutlich benannt werden.

Besprochene Literatur:

Markus End; Kathrin Herold; Yvonne Robel (Hg.) (2009): Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments. Unrast-Verlag. Münster. 284 Seiten. 18€
Alexandra Bartels; Tobias von Borcke; Markus End; Anna Friedrich (Hg.) (2013): Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse. Unrast-Verlag. Münster. 358 Seiten. 19.80€
Klaus-Michael Bogdal (2011): Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung. Suhrkamp Verlag. Berlin. 590 Seiten. 24,90€

Zitierte Literatur:

Michael Krausnick (1995): Wo sind sie hingekommen? Der unterschlagene Völkermord an den Sinti und Roma.
Wolfgang Wippermann (1997): Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich.
Theodor W. Adorno (2003): Jargon der Eigentlichkeit.

Anmerkungen:

1. „Das Romanes-Wort Porajmos bezeichnet den Völkermord an den europäischen Roma in der Zeit des Nationalsozialismus” (Quelle: wikipedia).

2. Die Bibliographie ist online hier abrufbar: http://www.unrastverlag.de/images/stories/virtuemart/product/978-3-89771-518-9_bibliografie.pdf

3. Die Werke sind: Achim von Arnims Erzählung Isabella von Ägypten. Kaiser Karl des Fünften erste Jugendliebe (1812), Walter Scotts Roman Guy Mannering oder: Der Sternendeuter (1815), Alexander S. Puschkins Poem Die Zigeuner (1827), Victor Hugos Roman Der Glöckner von Notre-Dame (1831) und Steen Steensen Blichers Erzählung Keltringleben (1829).

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“Wer spricht in der Antiziganismusforschung?”

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© Marika Schmiedt

Am 23.März 2013 nahm ich an der Podiumsdiskussion “Wer spricht in der Antiziganismusforschung?” in Berlin teil. Es fand im Rahmen der Bookrelease von Antiziganistische Zustände 2 statt.
Weitere TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion waren Jacques Delfeld jun. (Leiter des Referats Beratung beim Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma), Markus End, Anna Friedrich (beide vom Forum Antiziganismuskritik).

Ich denke, dass sie mich eingeladen haben um sagen zu können es war eine Romni dabei. Ich finde allein schon der Begriff Antiziganismusforschung ist problematisch und diskriminierend. Die rassistische Fremdbezeichnung “Zigeuner” ist darin enthalten und dadurch findet eine ständige Reproduktion statt. Keiner der PodiumsteilnehmerInnen hat meine Kritik zu denken gegeben und die diskriminierende Bezeichnung wurde während des Podiumsgesprächs weiterverwendet. Markus End verwies darauf, dass es Roma selber benutzen und “das Antiziganismus ein Begriff ist, der dazu dient zu beschreiben, “was in mancher Menschen Kopf vorgeht” wenn sie rassistisch handeln, aber die AutorInnen und LeserInnen dagegen analysieren unberührt davon nur das Konstrukt vom “Zigeuner”.

Warum wird davon ausgegeangen, dass nicht auch bei den LeserInnen antiromaistische Bilder im Kopf abgehen wenn sie den Begriff immer wieder lesen und reproduzieren? Werden Roma als potentielle LeserInnen mitgedacht?” (Zitat von Sarah X aus dem Publikum) Meine Kritik an den Bänden und am Forum Antiziganismuskritik ist, dass eine Gruppe von Nicht-Roma, Bücher über Roma publizieren und bei verschiedenen Veranstaltungen darüber referieren. Die Gruppe reflektiert nicht über ihre Zusammensetzung und ist an Kritiken und Veränderungen nicht interessiert. Ihre einzige Kritik besteht in einer sogenannten “Antiziganismuskritik”. Aber das muss selbstverständlich sein!

Markus End Fazit war: Er schreibt/ spricht nicht über Roma, sondern über Antiziganismus! Das ist für mich nicht nachvollziehbar, besonders vor dem Hintergrund, dass er Doktorand an der TU Berlin ist und sein Dissertationsprojekt den Arbeitstitel “Fremd, frei und faul” – Struktur und Funktionsweise des modernen Antiziganismus” trägt!

Unverständlich war auch, dass sie das Publikum ausschließen wollten, indem sie gegen Ende erst Fragen annehmen wollten. Sie sagen, dass sie Roma angefragt haben für einen Beitrag in den Bänden, aber der Grund für ihre Absage war aus Kapazitätsgründen. Ich finde es problematisch, dass kein Raum für mögliche andere Gründe gelassen wird und keinen Anlass gesehen wurde ernsthaft darüber zu diskutieren. Als es um die wissenschaftliche Debatte und den aktuellen Stand der Forschung ging, haben Anna Friedrich und Markus End meinen Beitrag total ausgeklammert. Sie sagen, dass sie Teil einer akademischen Forschung und einer politischen Praxis sind und dass sie intervenieren gegen antiromaistische Vorkommnisse und Strukturen. Auf meine Frage hin wie die Interventionen aussehen und wem sie nützlich sind, antwortete Anna Friedrich, dass sie und Markus End einen Protestbrief verfassten, indem die Diskriminierung der Roma Jugendlichen in den Berliner Schulen thematisert wurde.

podium_mit_Anna_Friedrich
Podium: Filiz Demirova, Anna Friedrich

Laut Anna Friedrch sind technische Probleme aufgetreten, weshalb jetzt das Audio File von der Diskussion fehlt!

Der Paria,
Filiz Demirova

Sinngemäße Zitate von den Diskussionsbeiträgen aus dem Publikum:

“Mein Name ist Jihan Dean und ich bin ein Freund des Separatismus.
Ich bin nicht immer separatistisch eingstellt, aber manchmal, denn ich bin Teil von People of Color Communities.

Ich habe mir das Buch Antiziganistische Zustände 2 auch angeschaut und darin zwei Vorgehensweisen wiedergefunden: Im Vorwort spricht sich die Mehrzahl der AutorInnen dafür aus, zwar den Antiziganismus der Mehrheitsgesellschaft zu kritisieren, aber nicht über Roma und Sinti zu sprechen.

Im Buch findet sich aber auch ein Artikel über die Politik einer “Selbstorganisation”. Bei dieser Podiumsdiskussion wurde die Frage aufgeworfen, wer Antiziganismusforschung betreiben darf.
Ich denke, die moralische Diskussion ‘dürfen oder nicht dürfen’ führt hier in eine falsche Richtung. Es gibt ja keine Verbote in diesem Zusammhang. Aber wir sollten uns über die Konsequenzen im Klaren sein, wenn solche Forschung immer und immer wieder ohne Roma und Sinti durchgeführt wird.

Dadurch wird ein diskursives Ungleichgewicht verstärkt, das sowieso schon da ist. Ein Ungleichgewicht, das genauso auch in der sogenannten Migrationsforschung besteht, die hauptsächlich von Menschen betrieben wird, die selbst nicht migriert sind. Ein Buch wie das hier vorliegende ist also genau das Gegenteil von Empowerment. Denn es sind vor allem weiße Deutsche, die sich damit profilieren, die dadurch ihre akademische Karriere vorantreiben.

Das Argument, man hätte ja Roma angefragt, doch diese hätten ‘aus Zeitgründen’ abgesagt, zählt aus meiner Sicht überhaupt nicht.
Wie Filiz auch schon sagte, wäre es wichtig zu fragen, warum sie tatsächlich abgesagt haben. Hatten sich vielleicht in der Gruppe der AutorInnen und HerausgeberInnen schon Umgangs- und Verhaltensweisen herausgebildet, die ausschließend waren, hatte die Gruppe schon die Themen und die Agenda gesetzt, bevor Roma einbezogen wurden? Warum hat sich nicht von Anfang an eine gemeinsame Gruppe gebildet?”

Später:

“Ich habe mich in den letzten 10 bis 20 Minuten gefragt, worauf diese Diskussion hinauslaufen soll. Wir haben viel Kritik an dem Buchprojekt gehört, und immer wieder haben sich diejenigen, die daran beteiligt waren,gerechtfertigt. Geht es denn darum, das Projekt im Nachhinein zu rehabilitieren?

Wäre es nicht besser zu überlegen, was bei zukünftigen Projekten anders gemacht werden könnte? Mal im Ernst, so geht das doch nicht! In solchen Situationen höre ich immer wieder das Argument, die gesellschaftliche Lage sei so schlimm gewesen, dass man unbedingt etwas tun musste. Darüber wird oft nicht mehr darauf geachtet, WIE wir etwas tun, und dass die Form dem Inhalt zuwider läuft. Wenn sich solche Widersprüche auftun, wäre es aus meiner Sicht wichtig, einen Schritt zurückzutreten, und vielleicht in Kauf zu nehmen, dass ein Buch nicht genau jetzt in diesem Moment erscheint, sondern später.”

Sarah X:

“Es wurde behauptet das “Antiziganismus” ein Begriff ist der dazu dient zu beschreiben “was in mancher Menschen Kopf vorgeht” wenn sie rassitisch handeln, aber die AutorInnen und LeserInnen dagegen analysieren unberührt davon nur das Konstrukt vom “Zigeuner” Warum wird davon ausgegeangen, dass nicht auch bei den LeserInnen antiromaistische Bilder im Kopf abgehen wenn sie den Begriff immer wieder lesen und reproduzieren?? Bzw werden Roma als potentielle LeserInnen mitgedacht?

Der Herausgeber Markus End hat selbst gesagt das diese Zustände die gesamte Gesellschaft durchziehen. Auch ich als Schwarze Frau wurde während meiner Schulzeit mit so vielen rassistischen Bildern und Wörtern gegen Sinti und Roma vollgepackt, dass ich nicht einfach von heute auf morgen entscheiden kann diese Assoziationen aus frühster Kindheit zu vergessen. Wenn dieser Begriff dann immer wieder genannt wird kommen diese Assoziationen, auch wenn voher gesagt wurde “es handelt sich nur um ein Konstrukt”.

Weitere Kommentare vom Publikum:

Mike Korsonewski:

Für mich als weiß deutsch sozialisierter Mann war das Podium eine Reihe von Ungleichgewichten ausgesetzt. Ich finde es wichtig meinen Eindruck vom Podium noch mal wider zu geben:

Als es um die wissenschaftliche Debatte und den aktuellen Stand der Forschung ging, haben Anna Friedrich und Markus End, Filiz Demirovas Beitrag total ausgeklammert. Das fand ich ganz schön beschissen und auch stützend für Filiz einleitende Worte, dass sie nur kurz vorher als Romni Aktivistin bzw. ‘Gewissensberuhigung’ eingeladen wurde – das hatte anscheinend ‘nen ganz dubiosen Zweck. Dieses Ungleichgewicht/ Spannungsfeld ist auch passend zu Natasha Kellys Ausführungen zu den Ebenen akademisch, aktivistisch/politisch und Basis, denn das Podium hat gezeigt, dass Filiz aus einigen dieser Ebenen ausgeschlossen werden soll bzw. Filiz Intervention und Redebeiträge zeigten mir, dass sie die einzige auf dem Podium ist, die alle drei Ebenen (und sogar noch mehrere) vereint. Filiz hat sich explizit darin positioniert.

Zum Begriff “Antiziganismus”

Ich denke, dass da viel homogenisierende Neu-Mythologie drin steckt und epistemische Gewalt ausgeübt wird. Wenn ein AutorInnen-Kollektiv aus weißen (von mir aus mit der Hilfe von PoC, Roma, Schwarzen) so eine Forschung basierend auf Leipzig/Berlin/Heidelberg betreiben und solch ein Band publizieren, dann nimmt das zu viel Raum ein in öffentlichen, akademischen/politischen Diskursen und führt zur Umgehung des transformativen Zwecks von politischer und aktivistischer Arbeit gegen Rassismus zum Zwecke der Schaffung eines neuen akademisch vermarktbaren Konzeptes.

Ich möchte hier nicht unterminieren, dass Arbeit gegen Rassismus von allen Positionen aus passieren muss, also die von Rassismus Diskriminierten sowie auch weiße, also nicht von Rassismus diskriminierte. Mein “aber” an dieser Stelle bezieht sich auf meine konkrete Positionierung und Interesse. Ich denke, dass ich als weißer mit solch einer Forschung und Publikationen wenig bis gar nicht an die Kämpfe von Roma AktivistInnen sowie weißen gegen strukturellen und anderen Formen des Rassismus gegen Sinti und Roma herangeführt werde. Dies sehe ich durch die Haltung der AutorInnen begründet, sich nicht oder nur teilweise positionieren zu müssen und auch dem Gedanken „nicht über Roma zu schreiben“ verfallen zu sein. Wie können Leerstellen in deren weißer analytischer Perspektive aufgezeigt werden ohne die Anerkennung und mit Einbeziehung der politischen/aktivistischen, akademischen und basisorientierten Arbeit von Roma? Wie kann dieses AutorInnen-Kollektiv so ausschlussorientiert und anscheinend nur inneruniversitär arbeiten?

Außerdem möchte ich meinen Eindruck von der Arbeit in der Uni und bei EDEWA mit Filiz (zusammen) einbringen, um zu stützen, wie sehr Publikationen solcher Art nur wieder in einen akademischen Korpus eingehen und so die Realitäten und Notwendigkeit von politischer Arbeit an den Brennpunkten lebensbedrohlicher Abschiebe- und Gewaltsituationen keine/wenig Beachtung und konkrete Aktionen dagegen findet. Einerseits ist es ein sehr “ausgewählter” Kreis in der Akademie, die sich mit kritischer Rassismusforschung auseinandersetzten.

Vermutlich erreicht solch ein Buch also einen kleineren Kreis von weißen und Schwarze Dozierende und Dozierende of Color sowie deren Studierende. Ich habe also als weißer nicht viele Chancen kritisch auf Leerstellen hingewiesen zu werden und aktivistische/politische weitere Schritte zu erarbeiten.

Im besten Falle, saß Filiz mit dabei in Veranstaltungen, die ich auch besucht habe und wir konnten unsere Perspektiven mit den jeweiligen Positionen diskutieren. So auch die Situation ähnlich bei EDEWA.
Durch strukturelle Hürden ist es im Endeffekt Filiz allein gewesen, die einen Riesenkomplex an Arbeit zu Rassismus gegen Roma und Sinti gemacht sowie der Dokumentation aktivistischer antirassistischer Arbeit und Biografie von Panna Czinka erstellt hat.

Ich finde, dass beide Beispiele zeigen, wie wichtig die Verbreiterung der Arbeitsfelder und Empowerment für Schwarze, PoC und Roma in der Akademie sind. Außerdem zeigt es, dass die rassismuskritische Arbeit in der Akademie schwer zu gesamtgesellschaftlichen Kontexten brücken kann und im Falle das es klappt, auf der Arbeit von Schwarzen, PoC und Roma beruht.

Selbstverständlich sollen weiße sich anschließen können und auch ihre Aufgabe darin haben. (Jemensch anderes meinte, ich glaub Natasha Kelly) Wer kann sich das Buch überhaupt kaufen/leisten? Das ist doch schon eine krasse Hürde. Bringt das so für Leute, die von Abschiebung bedroht bzw. alltäglichem Rassismus diskriminiert sind, wirklich etwas?

Ich bin mir sicher, dass es eine Priorisierung geben muss. Empowerment von Roma und die Selbstverwirklichung von Roma und anderen von Rassismus diskriminierten Teilen der Gesellschaft müssen in den Vordergrund gerückt werden. Ich möchte als weißer Strategien und Ansätze finden, um alltägliche, gewaltvolle Machtstrukturen der Gesellschaft in Deutschland selbstkritisch zu brechen und aber gerade nicht Diskurse über Menschen zu dominieren—für mich ist das eine Form von Ausbeutung.

Natalie Wagner:

Die beiden RepräsentantInnen des Forum “Antiziganismuskritik” wollen nicht über Roma sprechen (und vertreten die Ansicht sie sprechen in ihrem Band nicht über Roma) sondern über den Rassismus, der in der Gesellschaft vorkommt. Dadurch dass sie sich selbst während der Veranstaltung kein einziges Mal selbst als weiße (sondern als Zugehörige zu einer Mehrheitsgesellschaft) positioniert haben, und auch über den Rassismus den sie kritisieren wollen immer wieder mit rassistischen Begriffen geredet haben, entstand für mich der Eindruck, dass sie sich “außen vor” stellen und von dort auf das “Problem Rassismus in der Gesellschaft” schauen (und schreiben), ohne sich selbst wirklich als Teil davon zu verstehen.

Daher habe ich dann auch, aus meiner Position als weißer Frau, den Kommentar gemacht, dass eine Kritik aus weißer Perspektive auch zuerst eine Selbstkritik sein muss und ich es wichtig finde, sich selbst auch darin zu sehen. Darauf gab es keine inhaltliche Reaktion (oder Positionierung in Bezug auf Rassismus) von Markus End oder Anna Friedrich.
Obwohl Filiz schon in ihrem ersten Redebeitrag und danach auch noch weiter deutlich gemacht und erklärt hat, worin die Problematik mit dem Begriff “Antiziganismusforschung” liegt und dass sie eine Kritik daran hat, wurde diese Kritik von allen anderen auf dem Podium nicht angenommen oder sogar offen abgelehnt – dafür bezogen sich Markus End z.B. auf seine “wissenschaftliche Forschung” zu der Begriffsgeschichte und sagte mehrere Male, dass ja auch Betroffene diesen Begriff benutzen was er erlebt hat, und dass es angeblich der einzige Begriff ist der keine Gruppe ausschließt.

Während diesem Punkt ist mir vor allem auch aufgefallen, dass beide HerausgeberInnen sowie auch min. eine Stimme aus dem Publikum betonten, dass es ihnen ja darum ging über den Rassismus gegen Sinti und Roma zu sprechen, daher der Begriff – aber sie weigerten sich konsequent, den rassistischen Begriff, z.B. in der Diskussion selbst, dann auch einfach mit z.B. “Rassismus gegen Sinti und Roma” zu ersetzen.

Markus End hat argumentiert, dass der Begriff “Antiziganismuskritik” sich auf eine Projektion und kein real existierendes Konzept bezieht, und daher auch ausdrückt “was die Mehrheitsgesellschaft im Kopf hat, und das ist genau die Stärke des Begriffs”. In einem Kommentar daraufhin war meine Meinung, dass mit genau dieser Argumentationslinie “dass die Stärke ist dass was in den Köpfen der Menschen vor sich geht ausgedrückt wird” auch die Verwendung von anderen rassistischen Bezeichnungen in rassistischen Hetzmedien verteidigt wird (z.B. die Verwendung von N-Wort, M-Wort) und dass es absolut untragbar und unmöglich ist, dass ein weißer Mann auf einem Podium zu diesem Thema eine solche Position zur Verteidigung dieses Begriffs vertritt.

Ein Kommentar von Jacques Delfeld jun. den ich auch notiert habe (als er von seinen Erfahrungen der Zusammenarbeit in dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma berichtete) war “es ist antiziganistisch als Schwarzer “Zigeuner” bezeichnet zu werden” (wobei er dabei nicht klar gemacht hat, ob er es für “antiziganistisch” hält wegen der rassistischen Fremdbezeichnung von Roma und Sinti oder weil eine Person als Schwarz bezeichnet wurde… und leider ist er dann sehr schnell aufgebrochen, bevor Natasha Kelly ihren Redebeitrag bringen konnte.)

Ein weiterer Kommentar von Jacques Delfeld jun. war auch: “wie Filiz an die Sache herangeht schafft Fronten” / “wir brauchen Solidarität” / Filiz’ Position sei auch “separatistisch” und es sei außerdem wichtig gemeinsam/geschlossen aufzutreten.

Weiterhin wurde am Ende noch diskutiert wie ein 3. Band aussehen könnte, wobei “Antiziganistische Zustände 3” als Titel in der Diskussion fiel. Generell wurde dabei von den HerausgeberInnen nur die Kritik, dass auch Roma daran beteiligt sein sollten angenommen, aber sie sahen nach der Diskussion anscheinend keinen Grund strukturelle Kritik und auch konkret im Gespräch geäußerte Kritik einzubeziehen, z.B. den Titel des Buches zu verändern, die eigene (immer noch unbenannte weiße Position) als HerausgeberInnen zu reflektieren, die Machtposition in der sie als herausgebenden Personen sind zu überdenken oder daran etwas zu ändern…etc. Markus End kommentierte z.B. auch dass es für ihn ja auch problematisch oder auch schwierig sei, unterscheiden zu können welche Beiträge bzw Roma-Positionen kritisch seien und welche nicht.
Er kam aber nicht auf die Idee, dass diese Problematik dadurch gelöst werden könnte, dass er nicht mehr die machtvolle Position einnimmt, (mit)zuentscheiden welche Beiträge veröffentlicht werden und wer überhaupt angefragt wird.

Es wurde auch erwähnt dass in der Einleitung steht, dass Roma zwar angefragt wurden für Beiträge, aber “aus Kapazitätsgründen” nichts beitragen konnten. Weiterhin behauptet Markus End, obwohl Filiz das klar kritisiert hat und die Frage mehrmals gestellt hast “wem nützt so eine Forschung und auch Veröffentlichung”, dass das von ihm mitherausgegebene Buch die Kämpfe von Roma unterstützt und ein wichtiger Beitrag ist der gemacht werden muss. Dabei finde ich es auch problematisch, inwieweit er sich selbst als “Helfer” und “guter weißer” inszeniert, dessen Arbeit für Roma in ihren Kämpfen anscheinend nützlich und unterstützend ist. Er hat dabei auch komplett Filiz Fragen und Kritiken ignoriert. Mir ist auch aufgefallen, während der gesamten Veranstaltung (im Gegensatz zu Anna Friedrich zum Beispiel, die auch teilweise geklatscht hat oder die Leute angeschaut hat), hat Markus End bei keinem Redebeitrag (weder vom Podium noch vom Publikum) geklatscht oder sich gerührt, sondern hauptsächlich den Tisch vor sich angestarrt – selbst bei Beiträgen und Kommentaren, die ihn direkt und auch namentlich angesprochen haben, war das einige Male so.