Das Resümee der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold

Es war bedeutungsvoll die Filme vorgeführt und im Anschluss darüber debattiert zu haben. Zu Beginn der Veranstaltung erhielten wir das Feedback von der Tochter von Melanie Spitta, Carmen Spitta, dass sie sich sehr über das Filmscreening freute und wie wichtig das ist. Während der Veranstaltung wurde deutlich, wie relevant die Dokumentationen bis heutzutage sind. Dadurch können die Zusammenhänge erkannt werden und vielbesser die gegenwärtige Situation für Roma und Sinti eingeschätzt werden.

Portrait der Mutter von Melanie Spitta

An dem letzten Tag der Trilogie führten wir den Film „Das Falsche Wort: Wiedergutmachung an Z*****r (Sinte) in Deutschland?“ vor. Hierin teilt Melanie Spitta u.a. ihre Familiengeschichte. Ihre Mutter überlebte die Experimente des KZ- Arztes Mengele. Danach kam sie ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie für Siemens Zwangsarbeit machen musste. Zum Schluss kam sie ins KZ Bergen- Belsen. Nach der Befreiung wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Sie hatte eine Lungentuberkulose. Die Krankheit wurde nie geheilt und 1958 starb sie. Ihr Antrag auf Rente wurde abgelehnt. Das Gericht entschied, dass diese Tuberkulose nicht vom KZ sein kann. Vielmehr habe sie sich bei ihrer Schwägerin Frau Steinbach angesteckt. Ihre Schwägerin starb 1949 an TBC. Das beide Frauen Tuberkulose vom KZ hatten, wollte niemand wissen. Um ihrer Mutter keine Rente zahlen zu müssen, hat man ein Krankenblatt mit der Diagnose vom Mai 1945 unterschlagen. Darin vermerkte man die Diagnose: Tuberkulose und Ohrendiphtherie und dass die Tuberkulose weiterhin bestehe. Aufgrund der KZ- Haft war ihre Mutter Arbeitsunfähig. Sie lebte von der Unterstützung durch das Sozialamt. Als man ihr 2400 Mark Haftentschädigung bewilligte, wurden ihr davon 2015,15 Mark Sozialhilfe wieder abgezogen. Bis zu ihrem Tod hat sie 384, 50 Mark Entschädigung bekommen. Für sechs Jahre Immigration, für 16 Monate KZ, für Zwangsarbeit bei Siemens und den Verlust ihrer zwei Kinder, ihrer Mutter und fast der ganzen Familie.

Mit fast allen deutschen Sinti, die Entschädigungsanträge gestellt haben wurde so umgegangen. Als 1965 eine Gesetzesänderung erfolgte, die festlegte dass Sinti ab Ende 1938 verfolgt wurden, half das den bereits verstorbenen nicht mehr. Nach 18 Jahren aussichtslosen Kampf mit dem Amt für Wiedergutmachung, Gesundheitsamt und Gerichten, war den noch lebenden klar, dass man ihnen nicht glauben wollte.

Glaubwürdig blieb der Rasseforscher Ritter. Nach dem Krieg war er Arzt für das Gesundheitsamt Frankfurt am Main und starb 1951. Er fand Mittel und Wege Arbeitsmaterial von der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. In einem Ermittlungsverfahren gegen ihn überzeugte Robert Ritter den Staatsanwalt dass die Verfolgung der Sinti erst mit dem Auschwitzerlass 1943 begonnen habe. Mit den Roma habe er sich nur bis 1941 beschäftigt. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Mit den Polizeiakten und dem Material der Rasseforscher, konnte das Gegenteil bewiesen werden.

Glaubwürdig blieb die Rasseforscherin Eva Justin. Sie war nach dem Krieg Psychologin am Gesundheitsamt Frankfurt Main und starb 1966. Gegen sie wurde Anklage erhoben. Ihr wurde zur Last gelegt, sie sei für Zwangssterilisation an Sinti, Verbringung ins Konzentrationslager und ihren dortigen Tod verantwortlich. Mit den Polizeiakten und den Material der Rassenforscher kann das bewiesen werden. Im Entschädigungsprozess der Familie Melanie Spittas wurde Eva Justin als Sachverständige gehört.

Glaubwürdig blieb die Rassenforscherin Sophie Ehrhardt. Nach dem Krieg war sie Professorin für Anthropologie in Tübingen. Zwei Ermittlungsverfahren gegen sie wurden eingestellt. Bis 1951 konnte Frau Ehrhardt mit einem Teil des Materials der Rassenhygienischen Forschungsstelle weiterarbeiten. Dabei wurde sie von der deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Glaubwürdig blieb der Kriminalinspektor Josef Eichberger. Nach dem Krieg arbeitete er als „Z*****rkenner“ beim bayrischen Landeskriminalamt in der Landfahrerzentrale weiter. Dazu überließ ihm Robert Ritter ein Teil seiner Stammbäume. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Glaubwürdig blieb Leo Karsten. Nach dem Krieg war er Kriminalobermeister in Ludwigshafen. Er ist verstorben. Ihm wurde zur Last gelegt die Sinti in die Konzentrationslager verbracht zu haben. Seine Eintragungen in den Kripoleitstellenakten sind ein Beweis dafür. Das Verfahren wurde eingestellt. Dieser Mann war Zeuge in mehreren Entschädigungsprozessen. Das Gericht glaubte seinen Behauptungen. Es habe sich bei denen ins KZ eingelieferten Roma um asoziale und kriminelle gehandelt. In einem Bericht von 1958 an die Staatsanwaltschaft, rühmt Leo Karsten sich, dass sein Auftreten vor Gericht einem großen Teil von Sinti gefährlich werden kann. Dadurch das das Zahlen von Wiedergutmachungsgeldern wieder eingestellt bzw. hinausgezögert werde.

Alle die an der Vernichtung der Roma und Sinti beteiligt waren wurden nicht verantwortlich gemacht. Die Täter wurden von Hermann Arnold geschützt. Nach dem Krieg war er Gefängnispsychiater und Medizinalrat im Gesundheitsamt und der neue Sachverständige für „Z*****rfragen“ im Bundesfamilienministerium. Bis weit über 1987 genoss er den Ruf eines anerkannten „Z*****rforschers“. Hermann Arnold hat einen Großteil des Rasseforschungsmaterials besessen, was ihn Eva Justin überlassen hatte. Material was die Täter belastet hätte, hielt er zurück. In dem Verfahren gegen Eva Justin, wurde er gehört und sagte u. a. aus, dass Eva Justin für zahlreiche Auskünfte über die früher von ihr und Ritter durchgeführten Arbeiten zu dank verpflichtet sei. Er könne nicht den Eindruck gewinnen, dass Ritter ein Rassenfanatiker gewesen sei.

Was änderte sich für Sinti und Roma nach der Befreiung der Konzentrationslager? Der neue Sachverständige für Z****rfragen im Bundesfamilienministerium, Hermann Arnold, publizierte 1965 sein Buch „Die Z****r“, das schon damals eine überaus positive Bewertung erfuhr, sowie bis heute in den Universitätsbibliotheken in den Regalen stehen. Darin untersucht er die biologischen Merkmale der „Z*****rrasse“, akzeptiert und entschuldigt Ritters Forschungen und ist daran Interessiert diese weiterzuführen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass es sich hierbei um Ausrottung und Massenmord handelt. Den Grund für die fehlende Integration der Sinti und Roma sieht er in der „tiefsitzenden mißtrauischen Furcht des Z*****rs vor dem Zugriff der Institutionen der Gemeinschaft der Seßhaften…“ Das Aufgrund von negativen Erfahrungen mit den Institutionen eine berechtigte Vorsichtshaltung besteht, kommt ihm hierbei nicht in den Sinn.

Nach der öffentlichen Vorführung des Films im ZDF, legte Herr Arnold eine Beschwerde ein beim damaligen Intendanten des ZDFs und beschuldigte beide Regisseurinnen der Verleumdung. Sie konnten jedoch jedes Wort und Zitat belegen. Am Anfang der Dokumentation erscheint folgendes Zitat von Melanie Spitta: „Wir brauchen nicht aufzuschreiben, wer die Mörder an uns Sinte waren, wir wissen es.“ Das Erzählen spielt eine wichtige Rolle. Die Zeugenaussagen von Überlebenden der Konzentrationslager und wie der deutsche Staat danach mit ihnen umgegangen ist. Weil der Autorin bewusst war, dass man diesen Zeugen keinen Glauben schenkte, sondern alles an einem Stück Papier hang, begann die Suche nach den Unterschlagenen Dokumenten. Am Ende fasst folgendes Zitat von Melanie Spitta alles zusammen: „Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst.“

Bei der Debatte nach dem Filmscreening ist die Frage, warum sich so wenig Publikum angesprochen fühlte, thematisiert worden. Aus dem Publikum kam die Bemerkung, dass dieses Bild gesehen werden könnte, als ein Spiegel der Gesellschaft. Hinzu fügte sie, dass bei Veranstaltungen vor 20 Jahren von Afro- Deutschen es ein ähnliches Bild gab. Trotzdem stellte sich für sie die Frage, wie es möglich sei, dass eine Bevölkerung völlige Empathie zeige bei der Shoah und in dem Fall so wenig? Daraufhin äußerte jemand, dass derzeit bei der Berlinale ein Film von Árpád Bogdán „Genesis“ liefe, der die Geschichte der Romamorde in Ungarn aus den Jahren 2008-2009 aufgreift und sich hier ein breites Publikum in Deutschland dafür interessierte. Dazu ist eingeworfen worden, dass dies wiederum daran liegen kann, dass Ungarn so weit entfernt von einem ist. Den Film über die Romamorde in Ungarn kann man sich in Deutschland angucken und anschließend sagen, aber hier bei uns ist es nicht so schlimm. Man möchte sich ungern mit den Problemen hier auseinandersetzen, man sagt lieber dort in Rumänien oder Ungarn ist es viel schlimmer.

Tag 3 der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold

Die gestrige Filmvorführung „Es ging Tag und Nacht, Liebes Kind“ schüttelte einen wach. Die Worte von Melanie Spitta (Erzählerin) kreisen noch im Kopf.

Die Dokumentation erstreckt sich in folgende drei Teile:
1. Es ging Tag und Nacht
2. Für uns ist die Vergangenheit nicht Tod
3. Für unsere Kinder

Im ersten Teil (Es ging Tag und Nacht) interviewt Melanie Spitta eine Tante, die das Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau überlebte und in Ravensbrück sterilisiert wurde. Für Melanie Spitta war es wichtig die Perspektive einer Überlebenden Romni präsent zu haben, da sie leider nicht bei der Begehung im Herbst 1981 dabei sein konnte. Aufgrund gesundheitlicher Probleme (Spätfolgen des KZ), nahm sie nicht teil, als sie das erste Mal nach 40 Jahren in Begleitung der Kamera das „Zigeunerlager“ aufsuchten.

Melanie Spitta fragte die Tante wie die SS schaffte soviele Sinti zu sammeln und zu transportieren, ob sie sich dies gefallen ließen? Sie konnten nicht erahnen was ihnen bevor stand, zunächst vermuteten sie eine Neuansiedlung. Kurz bevor die SS sie abholte, fragte eine deutsche Frau, ob sie zum Schutz ihr kleines Kind zu sich nehmen solle. Aber sie wollte ihr erstes Baby nicht hergeben. Dazu sagte die Frau, dass ihnen noch schreckliches bevorstehen werde, das heisst, dass sie von der Existenz der Todeslager wusste.

Im Lager angekommen sah sie wie Kinder mit vergifteter Milch umgebracht, andere vergast wurden und wie voll es dort war. Ihr eigenes Kind starb als es ein Jahr alt war. Auf einem großen Transporter stapelte man alle Leichen aufeinander. Hierunter befand sich auch ihr Kind, das sie herunter zog um es in ihren Armen zu halten. Sie wollte es begraben, aber ihre Mutter kam herbei und warnte sie vor den Schlägen und Bestrafungen der SS.

Die Nummer Z- 449 tätowierte man ihr auf den Unterarm. Wie Schweine wurden sie gestempelt und danach geschlachtet. Ihre Namen wurden ihnen genommen und man rief sie nur noch nach dieser Nummer auf. Sie mussten stramm stehen und wurden häufig so stark geschlagen, dass sie an den Verletzungen starben.

Als sie in der Nachtwache arbeitete, hörte sie nachts immer das jämmerliche Geschrei in den Baracken: „Mein Vater ist Tod“, oder „Mein Kind ist Tod“. Des Weiteren immer wieder die Schreie aus den Krematorien: „Ich bin noch jung, ich will noch arbeiten“. Es war eine Menschenjagd, ein Scheiterhaufen, die Öfen waren verstopft… „Es ging Tag und Nacht, Liebes Kind“.

Im zweiten Teil (Für uns ist die Vergangenheit nicht Tod) erzählte ein Überlebender Sinto, dass die Rasseforscher_innen die deutschen Sinti mit ihren Familien im Lager zusammen ließen, weil sie starkes Interesse an dem Zusammenhalt und der Familien- Struktur der Sinti hatten. Sie wollten hierzu Untersuchungen machen und testeten die emotionalen Reaktionen von Sinti, wenn unmittelbar vor ihnen ihre Familienmitglieder qualvoll wegstarben und sie nichts dagegen unternehmen konnten.

Hingegen die polnischen oder jugoslawischen Roma wurden sofort von den Kindern getrennt und vergast. Die Rassenforscher_innen hatten auch einen Sinto beim Lager der männlichen Juden isoliert. Das Lager der männlichen Juden grenzte am „Zigeunerlager und er konnte seine Familie dort sehen. Dann verabredete er sich jeden Tag mit seinem kleinem Sohn zur bestimmten Zeit am Zaum. Eines Tages war Blocksperre, aber der Vater stand schon am Zaum und der Junge lief schon loß. Der Überlebende Sinto sagte noch zu dem Jungen: „Bleib hier, es ist Blocksperre“ , aber er lief zum Zaum und sein Vater schmiss ihm ein kleines Stück Brot zu. Dann kam plötzlich der SS- Mann Palic (Menschenschinder Palic) und schoss dem Jungen in den Kopf.

Im Anschluss der Filmvorführung sagte eine Frau aus dem Publikum, dass sie sich wundert warum so wenig Publikum bei so einem wichtigen Film erschien. Eine mögliche Antwort dazu könnte sein, dass die meisten Menschen lieber zu Musik- und Tanzveranstaltungen gehen, als sich mit solch einer Thematik zu befassen. Daraufhin äußerte jemand, dass wir uns vielleicht im diesem Moment in einer schlimmen Zeit befinden. Beziehungsweise dass höchstwahrscheinlich noch harte Zeiten auf uns zukommen werden. Beispielsweise die allgemeine Situation der geflüchteten Menschen. Wieviele Menschen sterben täglich um das Mittelmeer zu überqueren und vor Kriegen zu fliehen? Trotzdem geht das Leben für die meisten weiter. Sie gucken Fußball, gehen auf Partys und betrinken sich, als ob nichts wäre. Wie war das doch noch gleich zur Zeit des Nationalsozialismus? Ging es dort nicht auch weiter mit dem Vergnügungen, obwohl sich die Todeslager teilweise vor ihren Haustüren befanden?

Heute Abend Sa, 24.02. um 19.30 Uhr in der Werkstatt der Kulturen die letzte Filmvorführung und Diskussion „Das Falsche Wort: Wiedergutmachung an Z*****r (Sinti) in Deutschland?“ der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold.

https://derparia.wordpress.com/2018/02/09/filmtrilogie-melanie-spitta-und-katrin-seybold-22-24-02-in-der-werkstatt-der-kulturen-berlin/

Tag 2 der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold um 19.30 Uhr im WdK

Der Dokumentarfilm „Schimpft uns nicht Z*****r“ (1980) hat gestern tief beeindruckt und wirkt heute immer noch fort.

Der junge Sinto Gallier beschrieb die soziale Diskriminierung: keine Lehrstellen zu erhalten, im Schulsystem gezwungen zu werden alles wie „die Deutschen“ zu machen, Probleme beim ausgehen zu haben, da der Eintritt verwehrt bleibt, oder da man aus den Diskotheken rausgeworfen wird. Alles aus dem Grund, weil er als ein Fremder wahrgenommen wird. Hier wirft sich die Frage auf, wie kann ein Angehöriger der Sinti als Fremder in Deutschland wahrgenommen werden, obwohl Sinti hier schon über 600 Jahre leben?

Die junge Sintizza Linda stellte dar, dass sie oftmals in die Situation gebracht wird sich entscheiden zu müssen, was sie lieber sei, eine Deutsche oder Sinti? Wobei sich von ihrer Sicht die Frage niemals ergibt, da sie beides ist: eine deutsche Sinti.

Als besonders reflektiert und politisch stachen Linda und ihre Mutter, Kioskbesitzerin hervor. Lindas Mutter schilderte, dass meistens über Roma ein besonders negatives Image verbreitet wird, sie würden stehlen, keiner Arbeit nachgehen und nicht lesen und schreiben können.

Lindas Mutter kam mit sieben Jahren is Konzentrationslager und als sie elf Jahre alt war wieder in die erste Schulklasse. Niemand half ihr beim lernen, sie musste mit allem alleine fertig werden. Aufgrund ihrer schulischen Wissenslücke, kann sie ihrer Tochter Linda beim lernen nicht helfen. Ihr Mann ebenso nicht, da er auch im KZ war. Im Zusammenhang mit dem negativen Image über Roma fiel Lindas Mutter auf, dass nie über „die Deutschen“ und das Dritte Reich gesprochen. Was „die deutschen“ alles an Verbrechen verübten an Sinti und Roma und alle anderen. Sie quälten, folterten und mordeten aus Spaß. Was ist schon dagegen, wenn ein Rom eine Henne klaut, weil er hunger hat? Was soll er sonst tun, wenn ihr ihm keine Arbeit gibt?

Zum Schluss bleiben mehrere Fragen offen: Warum werden Minderheiten in der deutschen Gesellschaft das Recht auf die eigene Kultur und Geschichte genommen? Welche Ideologie verbirgt sich dahinter, dass Menschen gezwungen werden sich so anzupassen, dass sie sich und ihre eigene Kultur und Geschichte verleugnen müssen? Letztlich ist die Frage zu stellen: Wer ist alles von dieser Ideologie betroffen? Sind „nur“ Minderheiten, oder auch die Mehrheitsbevölkerung auf eine Art betroffen?

Heute Abend Freitag, den 23.02.18 um 19.30 Uhr in der Werkstatt der Kulturen, Berlin findet die zweite Filmvorführung und Diskussion statt: “Es ging Tag und Nacht, Liebes Kind: Z*****r (Sinti) in Auschwitz. Eintritt: Spende.

https://derparia.wordpress.com/2018/02/09/filmtrilogie-melanie-spitta-und-katrin-seybold-22-24-02-in-der-werkstatt-der-kulturen-berlin/

Sinti-Gruft geschändet / SS-Runen auf dem Auto

Sinti-Familie ist erschüttert / Polizei sieht keinen Zusammenhang

Familie Schmidt ist erschüttert. Die Gruft der Sinti-Familie wurde aufgebrochen, der Sarg einer Holocaust-Überlebenden geschändet. Zuvor brannte aus noch ungeklärten Umständen die Hecke des Wohnhauses ab. SS-Runen in den Schnee gezeichnet. Doch die Ermittlungen der Polizei kommen nur schleppend in Gang. Die SZ/LZ (Schaumburger Zeitung & Landes- Zeitung) hat recherchiert.

Autorin: Kerstin Lange, Redakteurin

BERNSEN. Nicole und Tatjana Schmidt sind erschüttert. Als sie am Mittwoch auf den Friedhof in Bernsen kamen, um in der Familiengruft das Grab ihres Vaters und ihrer Großeltern zu besuchen, mussten sie feststellen, dass die für sie so immens wichtige und heilige Grabstätte geschändet wurde.

„Die Tür zu unserem Mausoleum stand offen und sofort sahen wir, dass sie aufgebrochen war. Mit klopfendem Herzen gingen wir in die Gruft“, erzählen die Schwestern. Der Holzsarg ihrer Großmutter Toni Hanni Schmidt war gewaltsam aufgebrochen worden, der Sargdeckel offen und die Glasscheibe, die den Innensarg verschließt, war zersplittert.

„Unsere Großmutter hatte die ganzen Glassplitter auf dem Gesicht“, erzählt Tatjana Schmidt und kämpft dabei mit den Tränen. Einiges an Grabschmuck sei in der Gruft umgeworfen worden, aber weitere Schäden hatten die Grabschänder nicht verursacht. „Wer macht so etwas? Wir können das nicht verstehen.“, sagten die Schwestern. Erleichtert seien sie gewesen, als sie feststellten, dass das Grab ihres Vaters unbeschädigt war. „Sein Todestag jährt sich in der nächsten Woche zum achten Mal“, erzählt Nicole Schmidt.

Die Schwestern sind mit den Nerven am Ende und da hilft es auch nicht, dass ein großer Teil der Familie zur Gruft gekommen war, um sie zu unterstützen und zu trösten. Die Sinti-Familie macht sich Sorgen, denn der Hintergrund dieser Attacke auf ihre Lieben macht den Frauen Angst.

Am Neujahrstag hat vor dem Haus der Familie in Kathrinhagen eine Hecke gebrannt. An die von der Polizei vermutete Ursache, Kinder der Familien könnten dort gekokelt haben, glaubt Tatjana Schmidt nicht.

„Als es kürzlich geschneit hat, hat jemand meinen Namen und das SS-Zeichen auf meinem Auto in den Schnee geschrieben“, erzählt Tatjana Schmidt. Sie habe dann daraus Jesus gemacht. „Wir sind nämlich sehr gläubige Christen.“

Die Großeltern der beiden Schwestern Toni Hanni und Wilhelm Schmidt haben viele Jahre in Bernsen gelebt. „Unsere Großeltern sind Deutsche Sinti gewesen und waren im Konzentrationslager. Das haben sie überlebt und sich hier in Bernsen niedergelassen“, erzählt Tatjana Schmidt.

Der Großvater sei es dann auch gewesen, der die Gruft auf dem Bernser Friedhof vor rund 40 Jahren bauen ließ. „Unsere Gräber sind etwas ganz Besonderes. Wir sind sehr oft hier bei unseren Lieben. Auch Weihnachten und Silvester haben wir hier in der Gruft gefeiert, mit den Großeltern und unserem Vater – als wären sie noch am Leben“, erzählt Nicole Schmidt.

Die Schwestern erklären, dass nach den Bestattungsriten der Sinti die Toten nicht verbrannt werden und ihre Körper auch nicht mit Erde in Berührung kommen dürfen. Daher seien die Särge ihrer Großeltern und ihres Vaters so in der Gruft aufgebahrt. Der gesamte Grabschmuck sei ein Beweis der großen Zuneigung und Liebe, die über den Tod hinaus bestehe.

„Im Sarg unserer Großmutter gab es keinen wertvollen Schmuck, nur Modeschmuck. Wir wissen, dass unsere Verstorbenen kein Gold oder Wertgegenstände benötigen. Das geben wir an die Ärmsten in der Familie weiter, denn die können es gebrauchen“, erklärt Tatjana Schmidt. Sie vermutet, dass sich die Täter erschrocken haben, als sie den so gut erhaltenen Leichnam sahen. „Oder der Einbruch in unsere Familiengruft hatte ganz andere Gründe. Egal wie, es ist ganz schrecklich für uns“, sagte Tatjana Schmidt.

Sie hoffe sehr, dass die Täter geschnappt und entsprechend bestraft werden. Dafür wollen sie auch eine Belohnung aussetzen, und zwar 1000 Euro. Das Geld soll derjenige bekommen, der der Polizei Hinweise geben kann, die zur Ergreifung der oder des Täters führen. Die Polizei hat vor Ort Spuren gesichert und die Ermittlungen aufgenommen. „Da wir nicht auszuschließen können, dass die Tag politisch motiviert ist, haben wir den Staatsschutz in Nienburg von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt“, sagte der Pressesprecher der Polizei Nienburg-Schaumburg, Axel Bergmann, auf Anfrage unserer Zeitung.

Geschehen sein muss die Grabschändung zwischen dem 31. Januar und dem 7. Februar. „Die Polizei hat gesagt, dass die Spuren recht frisch, also vielleicht drei Tage als sind“, so Tatjana Schmidt. Hinweise nimmt die Polizei in Rehren unter (0 57 52) 12 90 oder die Polizei Rinteln unter (0 57 51) 9 54 50 entgegen.

http://www.szlz.de/startseite_artikel,-sintigruft-geschaendet-ssrunen-auf-dem-auto-_arid,2438433.html