Matéo Maximoff – Förderung der Kultur und Dokumentation von Überlebensstrategien

Matéo Maximoff war ein Vertreter und Förderer der Kultur. Er verschaffte sich Geltung als erster Schriftsteller in Frankreich in der europäischen Literaturszene und als Bewahrer seiner Kultur. Seine Gesamtwerke sind in mehreren Sprachen übertragen worden. Bis zum Ende seiner Lebenszeit arbeitete er an einer Materialsammlung, sein Archiv umfassten: Filme, Fotos, Zeitungsartikel und Musikinstrumente (siehe Video2 unten).

In dem Nachwort von „Die Ursitory“, seines ersten Romans, wird folgendes Zitat von Eugéne Pittard wiedergegeben:

„Die Stunde wird leider kommen, wo, durch die Macht der Umstände, die Z**** sich mit den Massen der Bevölkerung vermischen werden. Vielleicht wird eines Tages sogar ihr Name verschwinden. Von den Menschen, denen es während mindestens fünf Jahrhunderten gelang, in einem organisierten und polizeilichen beaufsichtigten Europa ihren Typ, ihre Sitten, ihre Sprache zu bewahren, wird nichts übrig bleiben als ein Wort in den Handbüchern der Geographen, der Historiker und der Ethnologen.“

Kann die Vermutung dass Roma eines Tages vernichtet und ihre Kulturen ausgelöscht sein werden als verantwortungslos und bequem interpretiert werden? Erzeugt der Kommentar eine Passivität gegenüber den ungleichen Machtverhältnissen? Seit der Auswanderung ab dem 5. Jahrhundert aus Nordindien, überstanden sie viele Jahrhunderte hindurch unterschiedlichste Verfolgungsmaßnahmen, darunter Hinrichtungen durch das Rad oder den Galgen, die Galeerenstrafe, Versklavung und Brandmarkung, Registrierung und Deportation, Folter und Vergasung in den Konzentrationslagern. Trotz all der an ihnen verübten Verbrechen und dem nicht in genügendem Ausmaß vorhandenen politischen Vertretung sind sie ein Teil der Weltbevölkerung und leisten zudem viele kulturelle Beiträge. Diese erhalten jedoch größtenteils keine Anerkennung, weil sie nicht der nationalistischen und rassistischen Propaganda zusagen.

Aktuelle Ereignisse in der Ukraine bringt die alte Hetze zum Vorschein. In den letzten Monaten waren ukrainische Roma communities Ziel von zahlreichen Attacken. Diese stehen in Verbindung mit rechtsextremen Bewegungen, insbesondere die ultranationalistische Organisation C14 und die National Druzhyna Bewegung. Das Videomaterial von den Angriffen veröffentlichten sie in den sozialen Medien (siehe Video1 unten).

Am 7. Juni griffen sie eine Roma Community in einem Park an, die dort seit 15 Jahren lebte. Mit Hämmern und Äxten bewaffnet zerstörten sie alles und zwangen die Bewohner_innen zu fliehen. Am 23. Juni erstachen Ultranationalisten den 24 Jahre alten David Popp. Eine Gruppe maskierter Männer bewaffnet mit Messer und Ketten drangen in die Siedlung ein und überfielen die schlafenden. David Popp verstarb an Ort und Stelle an den Messerstichen am Kopf und an der Brust. Zudem wurden der 19 jährige Raja Popp, eine 30 Jahre alte Mutter und ihr 10 jähriger Sohn mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Am 2. Juli wurde eine 30 jährige Romni tot aufgefunden mit aufgeschlitzter Kehle in der Westukraine. Sie lief die Straße mit einem Wagen entlang um Schrott und Papier zu sammeln. Der unbekannte Mörder näherte sich ihr von hinten und schlitzte ihr die Kehle auf. Zuletzt ist das Gebäude eines Kindergartens in der Nacht des 15. Julis in der Westukraine abgebrannt.

Rechtsextreme Milizen, die Anschläge auf die Siedlungen verüben, verfolgen Motive der Sicherheit und Reinigung von “den Kriminellen” und gehen hiermit alter rassistischer Hetze nach. Die Aktivisten der rechtsextremen Organisation C14 informierten offen über ihre Beteiligung an den Ausschreitungen am 22. April als sie ein Camp in Kiew attackierten. Niemand von ihnen wurde festgenommen oder strafrechtlich verfolgt. Außerdem kündigten sie weitere Angriffe auf “gesetzwidrige Erscheinungen” von Roma an. Mitte Juni erhielt die C14 Gruppe sogar die Zusage vom ukrainischen Ministerium für Jugend und Sport für eine Finanzierung von 16.800 Dollar für ihr Kinder Sommer Camp. Dazu sollte erwähnt werden, dass nicht nur Erwachsene die Anschläge verüben. Bei den mutmaßlichen Tätern, die am 23. Juni mit Messer und Ketten in die Siedlung eindrangen und die schlafenden überfielen und David Popp erstachen, handelte es sich um Jugendliche.

Die mangelnde politische Interessenvertretung durch Mitglieder der Minderheit und die nicht ausreichende Vernetzung der attackierten Siedlungen, sind eine der Ursachen, warum sie nicht genügend Schutz vor den rechtsextremen Milizen erhielten. Diese Ursachen sind jedoch ein Teil der Auswirkungen der sozialen, politischen und ökonomischen Oppression. Es wird sich zeigen wie lange die Anschläge weitergehen, bis die attackierten sich physisch und juristisch wehren. Eines ist sicher, Roma communities hätten nicht über Jahrhunderte überlebt und die Kulturen bewahrt, wenn sie nicht wüssten wie sie sich selbst verteidigen müssen. Durch Mut, Flexibilität, Auswanderung, Aufteilungen, Verzweigungen und auch Wieder- Zusammenschlüsse wurden mehrere Überlebensstrategien entwickelt, die von außen nicht sichtbar sind.

Matéo Maximoff gründete seinen eigenen Verlag, nachdem er keine Unterstützung mehr erhielt. Er war unabhängig, Herausgeber und Verkäufer zugleich. Bis zum Ende verfolgte er seine Mission, von seinem Volk zu erzählen und das wahre Leben zu zeigen. “Wir müssen Bildung und Intelligenz unterscheiden und anerkennen, dass es weder den Manouche, noch den “Gitanos” an Intelligenz und Können fehlt. Ihre Spuren sind in allen Ländern gleich. Zeichen die der dortigen Bevölkerung unbekannt sind. Diese Zeichen sind unser geheimer Code, bis heute.” (Matéo Maximoff)

Video 1: Kyiv attack drives Roma community out (04:28 min.), Hromadske international, A Surge of Violence Against Roma People in Ukraine

“I haven’t been home in two years. I lived over there. It´s scary, we still can’t find two people.”

Video 2: Vergissmeinneint – Matéo Maximoff, Romancier, Arte F/ 2016, 27 min., Regie: Jacques Malaterre

Advertisements

Das Resümee der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold

Es war bedeutungsvoll die Filme vorgeführt und im Anschluss darüber debattiert zu haben. Zu Beginn der Veranstaltung erhielten wir das Feedback von der Tochter von Melanie Spitta, Carmen Spitta, dass sie sich sehr über das Filmscreening freute und wie wichtig das ist. Während der Veranstaltung wurde deutlich, wie relevant die Dokumentationen bis heutzutage sind. Dadurch können die Zusammenhänge erkannt werden und vielbesser die gegenwärtige Situation für Roma und Sinti eingeschätzt werden.

Portrait der Mutter von Melanie Spitta

An dem letzten Tag der Trilogie führten wir den Film „Das Falsche Wort: Wiedergutmachung an Z*****r (Sinte) in Deutschland?“ vor. Hierin teilt Melanie Spitta u.a. ihre Familiengeschichte. Ihre Mutter überlebte die Experimente des KZ- Arztes Mengele. Danach kam sie ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo sie für Siemens Zwangsarbeit machen musste. Zum Schluss kam sie ins KZ Bergen- Belsen. Nach der Befreiung wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Sie hatte eine Lungentuberkulose. Die Krankheit wurde nie geheilt und 1958 starb sie. Ihr Antrag auf Rente wurde abgelehnt. Das Gericht entschied, dass diese Tuberkulose nicht vom KZ sein kann. Vielmehr habe sie sich bei ihrer Schwägerin Frau Steinbach angesteckt. Ihre Schwägerin starb 1949 an TBC. Das beide Frauen Tuberkulose vom KZ hatten, wollte niemand wissen. Um ihrer Mutter keine Rente zahlen zu müssen, hat man ein Krankenblatt mit der Diagnose vom Mai 1945 unterschlagen. Darin vermerkte man die Diagnose: Tuberkulose und Ohrendiphtherie und dass die Tuberkulose weiterhin bestehe. Aufgrund der KZ- Haft war ihre Mutter Arbeitsunfähig. Sie lebte von der Unterstützung durch das Sozialamt. Als man ihr 2400 Mark Haftentschädigung bewilligte, wurden ihr davon 2015,15 Mark Sozialhilfe wieder abgezogen. Bis zu ihrem Tod hat sie 384, 50 Mark Entschädigung bekommen. Für sechs Jahre Immigration, für 16 Monate KZ, für Zwangsarbeit bei Siemens und den Verlust ihrer zwei Kinder, ihrer Mutter und fast der ganzen Familie.

Mit fast allen deutschen Sinti, die Entschädigungsanträge gestellt haben wurde so umgegangen. Als 1965 eine Gesetzesänderung erfolgte, die festlegte dass Sinti ab Ende 1938 verfolgt wurden, half das den bereits verstorbenen nicht mehr. Nach 18 Jahren aussichtslosen Kampf mit dem Amt für Wiedergutmachung, Gesundheitsamt und Gerichten, war den noch lebenden klar, dass man ihnen nicht glauben wollte.

Glaubwürdig blieb der Rasseforscher Ritter. Nach dem Krieg war er Arzt für das Gesundheitsamt Frankfurt am Main und starb 1951. Er fand Mittel und Wege Arbeitsmaterial von der Öffentlichkeit verschwinden zu lassen. In einem Ermittlungsverfahren gegen ihn überzeugte Robert Ritter den Staatsanwalt dass die Verfolgung der Sinti erst mit dem Auschwitzerlass 1943 begonnen habe. Mit den Roma habe er sich nur bis 1941 beschäftigt. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Mit den Polizeiakten und dem Material der Rasseforscher, konnte das Gegenteil bewiesen werden.

Glaubwürdig blieb die Rasseforscherin Eva Justin. Sie war nach dem Krieg Psychologin am Gesundheitsamt Frankfurt Main und starb 1966. Gegen sie wurde Anklage erhoben. Ihr wurde zur Last gelegt, sie sei für Zwangssterilisation an Sinti, Verbringung ins Konzentrationslager und ihren dortigen Tod verantwortlich. Mit den Polizeiakten und den Material der Rassenforscher kann das bewiesen werden. Im Entschädigungsprozess der Familie Melanie Spittas wurde Eva Justin als Sachverständige gehört.

Glaubwürdig blieb die Rassenforscherin Sophie Ehrhardt. Nach dem Krieg war sie Professorin für Anthropologie in Tübingen. Zwei Ermittlungsverfahren gegen sie wurden eingestellt. Bis 1951 konnte Frau Ehrhardt mit einem Teil des Materials der Rassenhygienischen Forschungsstelle weiterarbeiten. Dabei wurde sie von der deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Glaubwürdig blieb der Kriminalinspektor Josef Eichberger. Nach dem Krieg arbeitete er als „Z*****rkenner“ beim bayrischen Landeskriminalamt in der Landfahrerzentrale weiter. Dazu überließ ihm Robert Ritter ein Teil seiner Stammbäume. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt.

Glaubwürdig blieb Leo Karsten. Nach dem Krieg war er Kriminalobermeister in Ludwigshafen. Er ist verstorben. Ihm wurde zur Last gelegt die Sinti in die Konzentrationslager verbracht zu haben. Seine Eintragungen in den Kripoleitstellenakten sind ein Beweis dafür. Das Verfahren wurde eingestellt. Dieser Mann war Zeuge in mehreren Entschädigungsprozessen. Das Gericht glaubte seinen Behauptungen. Es habe sich bei denen ins KZ eingelieferten Roma um asoziale und kriminelle gehandelt. In einem Bericht von 1958 an die Staatsanwaltschaft, rühmt Leo Karsten sich, dass sein Auftreten vor Gericht einem großen Teil von Sinti gefährlich werden kann. Dadurch das das Zahlen von Wiedergutmachungsgeldern wieder eingestellt bzw. hinausgezögert werde.

Alle die an der Vernichtung der Roma und Sinti beteiligt waren wurden nicht verantwortlich gemacht. Die Täter wurden von Hermann Arnold geschützt. Nach dem Krieg war er Gefängnispsychiater und Medizinalrat im Gesundheitsamt und der neue Sachverständige für „Z*****rfragen“ im Bundesfamilienministerium. Bis weit über 1987 genoss er den Ruf eines anerkannten „Z*****rforschers“. Hermann Arnold hat einen Großteil des Rasseforschungsmaterials besessen, was ihn Eva Justin überlassen hatte. Material was die Täter belastet hätte, hielt er zurück. In dem Verfahren gegen Eva Justin, wurde er gehört und sagte u. a. aus, dass Eva Justin für zahlreiche Auskünfte über die früher von ihr und Ritter durchgeführten Arbeiten zu dank verpflichtet sei. Er könne nicht den Eindruck gewinnen, dass Ritter ein Rassenfanatiker gewesen sei.

Was änderte sich für Sinti und Roma nach der Befreiung der Konzentrationslager? Der neue Sachverständige für Z****rfragen im Bundesfamilienministerium, Hermann Arnold, publizierte 1965 sein Buch „Die Z****r“, das schon damals eine überaus positive Bewertung erfuhr, sowie bis heute in den Universitätsbibliotheken in den Regalen stehen. Darin untersucht er die biologischen Merkmale der „Z*****rrasse“, akzeptiert und entschuldigt Ritters Forschungen und ist daran Interessiert diese weiterzuführen, ohne dabei zu berücksichtigen, dass es sich hierbei um Ausrottung und Massenmord handelt. Den Grund für die fehlende Integration der Sinti und Roma sieht er in der „tiefsitzenden mißtrauischen Furcht des Z*****rs vor dem Zugriff der Institutionen der Gemeinschaft der Seßhaften…“ Das Aufgrund von negativen Erfahrungen mit den Institutionen eine berechtigte Vorsichtshaltung besteht, kommt ihm hierbei nicht in den Sinn.

Nach der öffentlichen Vorführung des Films im ZDF, legte Herr Arnold eine Beschwerde ein beim damaligen Intendanten des ZDFs und beschuldigte beide Regisseurinnen der Verleumdung. Sie konnten jedoch jedes Wort und Zitat belegen. Am Anfang der Dokumentation erscheint folgendes Zitat von Melanie Spitta: „Wir brauchen nicht aufzuschreiben, wer die Mörder an uns Sinte waren, wir wissen es.“ Das Erzählen spielt eine wichtige Rolle. Die Zeugenaussagen von Überlebenden der Konzentrationslager und wie der deutsche Staat danach mit ihnen umgegangen ist. Weil der Autorin bewusst war, dass man diesen Zeugen keinen Glauben schenkte, sondern alles an einem Stück Papier hang, begann die Suche nach den Unterschlagenen Dokumenten. Am Ende fasst folgendes Zitat von Melanie Spitta alles zusammen: „Sie haben alles aufgeschrieben, aber von nichts gewusst.“

Bei der Debatte nach dem Filmscreening ist die Frage, warum sich so wenig Publikum angesprochen fühlte, thematisiert worden. Aus dem Publikum kam die Bemerkung, dass dieses Bild gesehen werden könnte, als ein Spiegel der Gesellschaft. Hinzu fügte sie, dass bei Veranstaltungen vor 20 Jahren von Afro- Deutschen es ein ähnliches Bild gab. Trotzdem stellte sich für sie die Frage, wie es möglich sei, dass eine Bevölkerung völlige Empathie zeige bei der Shoah und in dem Fall so wenig? Daraufhin äußerte jemand, dass derzeit bei der Berlinale ein Film von Árpád Bogdán „Genesis“ liefe, der die Geschichte der Romamorde in Ungarn aus den Jahren 2008-2009 aufgreift und sich hier ein breites Publikum in Deutschland dafür interessierte. Dazu ist eingeworfen worden, dass dies wiederum daran liegen kann, dass Ungarn so weit entfernt von einem ist. Den Film über die Romamorde in Ungarn kann man sich in Deutschland angucken und anschließend sagen, aber hier bei uns ist es nicht so schlimm. Man möchte sich ungern mit den Problemen hier auseinandersetzen, man sagt lieber dort in Rumänien oder Ungarn ist es viel schlimmer.

Tag 2 der Filmtrilogie Melanie Spitta und Katrin Seybold um 19.30 Uhr im WdK

Der Dokumentarfilm „Schimpft uns nicht Z*****r“ (1980) hat gestern tief beeindruckt und wirkt heute immer noch fort.

Der junge Sinto Gallier beschrieb die soziale Diskriminierung: keine Lehrstellen zu erhalten, im Schulsystem gezwungen zu werden alles wie „die Deutschen“ zu machen, Probleme beim ausgehen zu haben, da der Eintritt verwehrt bleibt, oder da man aus den Diskotheken rausgeworfen wird. Alles aus dem Grund, weil er als ein Fremder wahrgenommen wird. Hier wirft sich die Frage auf, wie kann ein Angehöriger der Sinti als Fremder in Deutschland wahrgenommen werden, obwohl Sinti hier schon über 600 Jahre leben?

Die junge Sintizza Linda stellte dar, dass sie oftmals in die Situation gebracht wird sich entscheiden zu müssen, was sie lieber sei, eine Deutsche oder Sinti? Wobei sich von ihrer Sicht die Frage niemals ergibt, da sie beides ist: eine deutsche Sinti.

Als besonders reflektiert und politisch stachen Linda und ihre Mutter, Kioskbesitzerin hervor. Lindas Mutter schilderte, dass meistens über Roma ein besonders negatives Image verbreitet wird, sie würden stehlen, keiner Arbeit nachgehen und nicht lesen und schreiben können.

Lindas Mutter kam mit sieben Jahren is Konzentrationslager und als sie elf Jahre alt war wieder in die erste Schulklasse. Niemand half ihr beim lernen, sie musste mit allem alleine fertig werden. Aufgrund ihrer schulischen Wissenslücke, kann sie ihrer Tochter Linda beim lernen nicht helfen. Ihr Mann ebenso nicht, da er auch im KZ war. Im Zusammenhang mit dem negativen Image über Roma fiel Lindas Mutter auf, dass nie über „die Deutschen“ und das Dritte Reich gesprochen. Was „die deutschen“ alles an Verbrechen verübten an Sinti und Roma und alle anderen. Sie quälten, folterten und mordeten aus Spaß. Was ist schon dagegen, wenn ein Rom eine Henne klaut, weil er hunger hat? Was soll er sonst tun, wenn ihr ihm keine Arbeit gibt?

Zum Schluss bleiben mehrere Fragen offen: Warum werden Minderheiten in der deutschen Gesellschaft das Recht auf die eigene Kultur und Geschichte genommen? Welche Ideologie verbirgt sich dahinter, dass Menschen gezwungen werden sich so anzupassen, dass sie sich und ihre eigene Kultur und Geschichte verleugnen müssen? Letztlich ist die Frage zu stellen: Wer ist alles von dieser Ideologie betroffen? Sind „nur“ Minderheiten, oder auch die Mehrheitsbevölkerung auf eine Art betroffen?

Heute Abend Freitag, den 23.02.18 um 19.30 Uhr in der Werkstatt der Kulturen, Berlin findet die zweite Filmvorführung und Diskussion statt: “Es ging Tag und Nacht, Liebes Kind: Z*****r (Sinti) in Auschwitz. Eintritt: Spende.

https://derparia.wordpress.com/2018/02/09/filmtrilogie-melanie-spitta-und-katrin-seybold-22-24-02-in-der-werkstatt-der-kulturen-berlin/

Sinti-Gruft geschändet / SS-Runen auf dem Auto

Sinti-Familie ist erschüttert / Polizei sieht keinen Zusammenhang

Familie Schmidt ist erschüttert. Die Gruft der Sinti-Familie wurde aufgebrochen, der Sarg einer Holocaust-Überlebenden geschändet. Zuvor brannte aus noch ungeklärten Umständen die Hecke des Wohnhauses ab. SS-Runen in den Schnee gezeichnet. Doch die Ermittlungen der Polizei kommen nur schleppend in Gang. Die SZ/LZ (Schaumburger Zeitung & Landes- Zeitung) hat recherchiert.

Autorin: Kerstin Lange, Redakteurin

BERNSEN. Nicole und Tatjana Schmidt sind erschüttert. Als sie am Mittwoch auf den Friedhof in Bernsen kamen, um in der Familiengruft das Grab ihres Vaters und ihrer Großeltern zu besuchen, mussten sie feststellen, dass die für sie so immens wichtige und heilige Grabstätte geschändet wurde.

„Die Tür zu unserem Mausoleum stand offen und sofort sahen wir, dass sie aufgebrochen war. Mit klopfendem Herzen gingen wir in die Gruft“, erzählen die Schwestern. Der Holzsarg ihrer Großmutter Toni Hanni Schmidt war gewaltsam aufgebrochen worden, der Sargdeckel offen und die Glasscheibe, die den Innensarg verschließt, war zersplittert.

„Unsere Großmutter hatte die ganzen Glassplitter auf dem Gesicht“, erzählt Tatjana Schmidt und kämpft dabei mit den Tränen. Einiges an Grabschmuck sei in der Gruft umgeworfen worden, aber weitere Schäden hatten die Grabschänder nicht verursacht. „Wer macht so etwas? Wir können das nicht verstehen.“, sagten die Schwestern. Erleichtert seien sie gewesen, als sie feststellten, dass das Grab ihres Vaters unbeschädigt war. „Sein Todestag jährt sich in der nächsten Woche zum achten Mal“, erzählt Nicole Schmidt.

Die Schwestern sind mit den Nerven am Ende und da hilft es auch nicht, dass ein großer Teil der Familie zur Gruft gekommen war, um sie zu unterstützen und zu trösten. Die Sinti-Familie macht sich Sorgen, denn der Hintergrund dieser Attacke auf ihre Lieben macht den Frauen Angst.

Am Neujahrstag hat vor dem Haus der Familie in Kathrinhagen eine Hecke gebrannt. An die von der Polizei vermutete Ursache, Kinder der Familien könnten dort gekokelt haben, glaubt Tatjana Schmidt nicht.

„Als es kürzlich geschneit hat, hat jemand meinen Namen und das SS-Zeichen auf meinem Auto in den Schnee geschrieben“, erzählt Tatjana Schmidt. Sie habe dann daraus Jesus gemacht. „Wir sind nämlich sehr gläubige Christen.“

Die Großeltern der beiden Schwestern Toni Hanni und Wilhelm Schmidt haben viele Jahre in Bernsen gelebt. „Unsere Großeltern sind Deutsche Sinti gewesen und waren im Konzentrationslager. Das haben sie überlebt und sich hier in Bernsen niedergelassen“, erzählt Tatjana Schmidt.

Der Großvater sei es dann auch gewesen, der die Gruft auf dem Bernser Friedhof vor rund 40 Jahren bauen ließ. „Unsere Gräber sind etwas ganz Besonderes. Wir sind sehr oft hier bei unseren Lieben. Auch Weihnachten und Silvester haben wir hier in der Gruft gefeiert, mit den Großeltern und unserem Vater – als wären sie noch am Leben“, erzählt Nicole Schmidt.

Die Schwestern erklären, dass nach den Bestattungsriten der Sinti die Toten nicht verbrannt werden und ihre Körper auch nicht mit Erde in Berührung kommen dürfen. Daher seien die Särge ihrer Großeltern und ihres Vaters so in der Gruft aufgebahrt. Der gesamte Grabschmuck sei ein Beweis der großen Zuneigung und Liebe, die über den Tod hinaus bestehe.

„Im Sarg unserer Großmutter gab es keinen wertvollen Schmuck, nur Modeschmuck. Wir wissen, dass unsere Verstorbenen kein Gold oder Wertgegenstände benötigen. Das geben wir an die Ärmsten in der Familie weiter, denn die können es gebrauchen“, erklärt Tatjana Schmidt. Sie vermutet, dass sich die Täter erschrocken haben, als sie den so gut erhaltenen Leichnam sahen. „Oder der Einbruch in unsere Familiengruft hatte ganz andere Gründe. Egal wie, es ist ganz schrecklich für uns“, sagte Tatjana Schmidt.

Sie hoffe sehr, dass die Täter geschnappt und entsprechend bestraft werden. Dafür wollen sie auch eine Belohnung aussetzen, und zwar 1000 Euro. Das Geld soll derjenige bekommen, der der Polizei Hinweise geben kann, die zur Ergreifung der oder des Täters führen. Die Polizei hat vor Ort Spuren gesichert und die Ermittlungen aufgenommen. „Da wir nicht auszuschließen können, dass die Tag politisch motiviert ist, haben wir den Staatsschutz in Nienburg von dem Vorfall in Kenntnis gesetzt“, sagte der Pressesprecher der Polizei Nienburg-Schaumburg, Axel Bergmann, auf Anfrage unserer Zeitung.

Geschehen sein muss die Grabschändung zwischen dem 31. Januar und dem 7. Februar. „Die Polizei hat gesagt, dass die Spuren recht frisch, also vielleicht drei Tage als sind“, so Tatjana Schmidt. Hinweise nimmt die Polizei in Rehren unter (0 57 52) 12 90 oder die Polizei Rinteln unter (0 57 51) 9 54 50 entgegen.

http://www.szlz.de/startseite_artikel,-sintigruft-geschaendet-ssrunen-auf-dem-auto-_arid,2438433.html