Wir sind einmal Vögel gewesen

Image credit: Bjorn Olesen

Ja, so sind wir Roma geworden. Wir hatten alle Flügel, ich meine, die damals gelebt haben, und wir verdienten unser Brot nicht mit Buti und Tschore, wir flogen nur immerzu und aßen, was die anderen aßen. Im Herbst, wenn schon schudripe hi odjari – das heißt, wenn es draußen anfing kalt zu werden- schwangen auch wir uns mit den anderen Vögeln in die Luft und flogen weit weg nach Afrika.

Hatten wir es an dem einen Ort satt, flogen wir weiter. Passte es uns dort auch nicht mehr, suchten wir uns wieder einen neuen Platz – so lebten wir.

Na, aber auch das war nicht das Paradies, der Vogel im Käfig hat es besser.
Der närrische Gadscho, der sich ihn hält, hätschelt ihn- tschiriklori, werebori- und streut ihm jeden Tag sein Futter hin. Aber der freie Vogel muss es sich selber verschaffen, da hilft nichts.
Aber er ist frei.

Ich will es kurz machen. Als wir schon viele, viele Tage über eine dürre Gegend geflogen waren, hungrig und durstig, da geschah es eines Abends. Es war eigentlich erst Dämmerung, denn man konnte noch sehen, dass unter uns fette Äcker lagen.
Unser Führer, der Vajda, ich meine der Vogelvajda, gab mit einem Winken der Flügel das Zeichen zum Landen, und wir ließen uns nieder und begannen die feinen Weizenkörner zu picken.
Wir aßen und aßen, und aßen uns ganz voll nach den vielen Tagen bokhalipe, so dass wir am selben Tage gar nicht weiterfliegen konnten. So blieben wir dort bis zum nächsten Morgen, und dann fingen wir wieder an zu essen, denn wir waren wieder hungrig. Da konnten wir uns wieder nicht aufschwingen, und es wurde Mittag und Abend, und die Nacht fand uns immer noch dort.

Dabei wurden wir dick und fett. Auch wenn wir es gewollt hätten, wären wir nicht imstande gewesen, wieder aufzufliegen. Dann gewöhnten wir uns an das gute Leben, dass wir nicht hierhin und dorthin fliegen mussten und alles fanden, wo wir waren. Bald hatten wir nicht nur das Fliegen verlernt.
Nicht einmal hüpfen konnten wir mehr, nur noch langsam und behäbig schreiten.

Es kam der Herbst, und der schöne Acker begann zu welken. Es wuchs nichts mehr, und die Körner, die auf der Erde verstreut waren, die halfen uns Ratten und Mäuse aufzuklauben.
Was konnten wir tun? Wir machten uns ans Speichern, wie wir es den Feldtieren abgeguckt hatten.
Wir kratzten Gruben in die Erde, verschalten sie und hinein, was wir noch übrig hatten.
Dann deckten wir das ganze zu. Schließlich gingen wir daran, uns aus Reisig und Stroh kleine Hütten zu bauen, wo wir überwintern konnten.

Bei der Arbeit wurden uns die Beine dick und dicker, und aus unseren Flügeln wurden Arme.
Vorbei war es mit dem schönen Leben, mit dem Fliegen von einem Land ins andere.
Ja, und so sind wir rumänische Roma – so schloß der puro Roma – auch jetzt noch Vögel.
Haben wir unsere Zelte im Tal aufgeschlagen, sehnen wir uns auf den Berg hinauf, und wenn wir oben auf dem Berge sind, möchten wir hinunter ins Tal. Aber jetzt müssen wir zu Fuß gehen.

Doch wir sind nicht verzagt und leben nicht knauserig, denn eines Tages werden wir uns in Vögel zurückverwandeln.

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