Anschlag in Plauen

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Das Brandmal

Ein vor allem von Ausländern bewohntes Haus in Plauen brennt, Gaffer grölen rassistische Parolen. Eine Geschichte über Hass und Zivilcourage, über schiere Not und Ausgrenzung.

Aus Plauen berichten Carolin Katschak und Peter Maxwell (Spiegel Online)

Das Gespräch dauert schon eine ganze Weile, als Claudia plötzlich ein Hosenbein bis zum Oberschenkel hochzieht. Ihre Haut ist übersäht mit roten Flecken, die wie übergroße Flicken das ganze Bein bedecken. “Alles schlimm”, sagt sie in gebrochenem Deutsch, “alles operiert”.

Mehr als zwei Wochen war die 29-Jährige wegen ihrer Brandverletzungen im Krankenhaus, seit ein paar Tagen ist sie zurück bei ihrer Familie. Das ist gut, aber gut geht es ihr nicht – das wird deutlich, wenn Claudia, deren tatsächlicher Name nicht in einem Artikel stehen soll, erzählt. Sie beschreibt, wie sie ihre Kinder aus den Flammen im ersten Obergeschoss des Hauses in der Trockentalstraße 86 im sächsischen Plauen rettete, wie sie nach draußen stolperte, am Boden liegend auf das brennende Haus schaute, auf die Sanitäter, den Rauch, das Chaos.

Das Chaos jener Nacht ist dem Haus auch nach fast vier Wochen anzusehen: Neben dem mit Brettern verrammelten Hauseingang hängt ein verrußter Briefkasten, an der Hauswand schwarze Brandspuren. Wohnen, so viel ist klar, wird hier so schnell keiner.

Spiegel Online

Die Geschichte vom Hausbrand in Plauen ist schnell erzählt, eigentlich. Das Geschehen in den späten Abendstunden des 29. Dezember ist auf den ersten Blick überschaubar, auf den zweiten aber birgt es viele Aspekte, die in der Summe vor allem eines zeigen: Es wäre zu einfach, die Geschichte nur unter “Rassismus in Sachsen” zu verbuchen.

Claudia und die meisten anderen ehemaligen Hausbewohner sind Roma, ein rassistisches Tatmotiv schließen die Ermittler aber aus: Der mutmaßliche Brandstifter, ein 25-jähriger Plauener, soll wegen Streitigkeiten mit seinem Vermieter das Feuer gelegt haben. 19 Menschen erlitten wohl seinetwegen zum Teil schwere Verletzungen, 14 wurden obdachlos. Gegen den Verdächtigen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Mordversuchs, er sitzt in Untersuchungshaft.

Ein Trost ist das für Claudia nicht. Mit müden Augen blickt sie aus dem Küchenfester auf die verschneite Straße. Sie wohnt inzwischen bei der Familie ihres Bruders, nicht weit von der früheren Wohnung entfernt: acht Menschen in einer renovierungsbedürftigen Zweizimmerwohnung. Ihr sechsjähriger Sohn und die elfjährige Tochter leben bei ihr, der Zweijährige liegt noch immer mit schwersten Brandwunden im Krankenhaus. Immerhin: Claudias ungeborenes viertes Kind überlebte. Glückwünsche zur Schwangerschaft quittiert sie trotzdem nur mit einem müden Lächeln.

“Arschloch”, “Schlampe” – das hört sie oft

Das liegt wohl auch daran, dass die junge Slowakin ihrer Familie nur eine wacklige Perspektive bieten kann: Sie hat Mietschulden, Stress mit dem Jobcenter, keine Aussicht auf eine neue Bleibe. Und dann die Verletzungen, seelische wie körperliche: Mit dem Finger tastet sie ihre Brandnarben ab, die Arme, Oberkörper und Gesicht bedecken. Sie nimmt das Kopftuch ab, zeigt auf die struppige Kurzhaarfrisur und dann auf ein älteres Foto von sich: Lächelnd steht sie da, mit langen, schwarzen Haaren.

Wenn es nach manchen in der Menschengruppe gegangen wäre, die in jener Nacht gaffend und johlend am brennenden Haus standen, würde Claudia wohl nicht mehr leben. Noch während des Brandes riefen den Ermittlern zufolge zwei von ihnen mehrfach, man solle die Bewohner verbrennen lassen, auch der Ruf “Sieg Heil” soll gefallen sein. Die beiden gingen demnach auch mit Fäusten auf Polizisten los und beschimpften sie. Die Staatsanwaltschaft Zwickau ermittelt gegen die Männer laut lokalen Medien wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Körperverletzung.

Claudia kennt solche Anfeindungen zur Genüge. “Arschloch” oder “Schlampe”, sagt sie, so etwas höre sie regelmäßig. Sogar einen Hund habe jemand mal auf sie losgelassen. Was das für Leute seien? “Nazis”, sagt Claudia. Ausgerechnet im Haus, in dem sie nun bei ihrem Bruder wohnt, sollen auch Leute mit eindeutig rechter Gesinnung leben.

Für den Leipziger Verein Romana Sumnal, eine Selbstorganisation der in Sachsen lebenden Roma, war all das Anlass für einen Brief an Landrat Rolf Keil und Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer. “Wir sind entsetzt über dieses menschenverachtende Verhalten, welches sich gezielt gegen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus richtet”, heißt es darin: “Lassen Sie nicht zu, dass Einwohner Ihrer Stadt zu Opfern werden und in Angst leben müssen.”

Es gibt durchaus Plauener, die das nicht zulassen wollen: Julian Walther und Maurice Fabrizius zum Beispiel. Der “Freien Presse” erzählten die 18 und 19 Jahre alten Gymnasiasten, wie sie am 29. Dezember zufällig am brennenden Haus in der Trockentalstraße vorbeikamen – und spontan zu Rettern wurden: Walther fing ein aus dem Fenster stürzendes Kind auf, Fabrizius rettete einen alten Mann, gemeinsam mit Feuerwehrleuten schleppten sie eine Leiter hinters Haus. “Es hat uns berührt und auch geschockt”, sagte Walther, “wie viele Menschen in dem Haus waren“.

Wertvolle Hilfe leisten auch andere. An diesem Nachmittag etwa bekommt Claudia Besuch von Cathrin Schauer-Kelpin. Die Streetworkerin – rotes Haar, roter Pullover, roter Lippenstift – engagiert sich seit zwei Monaten für die Mutter und ihre Kinder. “Rassistische Anfeindungen sind nur ein Bruchteil dessen, was hier eigentlich los ist”, sagt sie.

Viele Roma in Plauen erlebten die Folgen sozialer Ausgrenzung, struktureller Ausbeutung, politischer Ignoranz. Frauen müssten ihr Geld mit Prostitution verdienen, Schauer-Kelpin spricht auch von Zwangsprostitution. “Dieses Umfeld ist geprägt von bitterer Armut und Gewalt”, sagt sie. Unter den Folgen litten vor allem die Kinder.

Wie es für Claudia und ihre bald vier Kinder weitergeht, ist völlig unklar. Aber, sagt die 29-Jährige, zumindest eine Sache sei seit dem Brand für die Zukunft klar: Sie wolle nie wieder woanders als im Erdgeschoss wohnen. “Dann kann ich immer schnell raus.“

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/plauen-betroffene-leiden-unter-folgen-von-brandstiftung-a-1189348.html

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