Deutsch-Suedwas? Erinnerung an einen deutschen Völkermord

Konzentrationslager auf der Haifischinsel vor der Küste Namibias (08:50)
„Es war ein über vier Jahre währender Kolonialkrieg, der auch, auf einer in Bezug auf die Kriegsführung, einen wichtigen Punkt deutscher Geschichte markiert, und zwar deswegen, weil zum ersten Mal, offiziell so bezeichnet, deutsche Konzentrationslager eingerichtet wurden. Es gab in diesen Lagern Zwangsarbeit, Akkordarbeit bis zum Tode, es gab medizinische Versuche und die Sterbequote lag bei weit über 60 pro Cent“ (Joshua Kwesi Aikins, Politikwissenschaftler, Aktivist)

Afrika Wissen Schaft

Die Aufarbeitung der kolonialen Verbrechen findet in Deutschland kaum statt. Der Film “Deutsch-Suedwas? Erinnerung an einen deutschen Völkermord” widmet sich dieser Leerstelle. In der Beschreibung auf vimeo heißt es:

Er versucht, die Konturen deutscher Herrschaft in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika nachzuzeichnen und gibt Einblicke in heutige Kämpfe Schwarzer Menschen um Gehör, um Anerkennung und um einen dekolonialen Perspektivwechsel innerhalb der weißen, deutschen Mehrheitsgesellschaft.

37 Minuten, die alle gesehen haben sollten.

(via Sharon Dodua Otoo)

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Sinti-Kinder im Nazi-Staat/ Index der Täter: Eva Justin

AUF WIEDERSEHEN IM HIMMEL
Die Sinti-Kindern von der St. Josefspflege

Eva_Justin

Eva Justin of the Racial Hygiene and Demographic Biology Research Unit measuring the skull of a Romani woman, Germany, April 1938. Source: Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive)

Index der Täter: Eva Justin – Die Leiden der Sinti und Roma
von Rena Jacob, (6. August 2013)

Eva Hedwig Justin, so ihr voller Namen, war nie durch Fleiß oder eine intellektuelle Arbeit aufgefallen, dies ist per se nicht unbedingt anzuprangern, doch wenn man ihren beruflichen Weg betrachtet, so ist das durchaus bemerkenswert, denn diese Frau fühlte sich zu ‚Höherem’ berufen. Nun, und wie kommen Frauen an Schaltstellen von Macht ohne selbst genug qualifiziert zu sein?, am Besten durch einen Mann.
Auch wenn ‚frau’ vielleicht nicht unbedingt das Blut eines Mannes in Wallung bringen kann, um als Ehefrau die gesellschaftliche Stelle inne zu haben, die ihr nach eigener Ansicht gebührt, so kann sie in seinem ‚Windschatten’ und seiner Protektion durchaus Karriere machen; so jedenfalls kam Eva Justin zu akademischen Würden. In ihrem Fall war der ‚Steigbügelhalter’ zu eben diesen Würden Dr. Robert Ritter, Leiter der ‚Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt’, das dieser seit 1936 innehatte.
Doch bereits vorher ebnete er, der Jugendpsychiater, ihr ihren beruflichen Werdegang. Die im August 1909 in Dresden geborene Eva Justin erhielt ihr Abitur in Kötzschenbroda-Niederlößnitz am dortigen Luisenstift.
Ab 1934 nahm sie an einem Lehrgang für Krankenschwestern teil, von dort wurde sie von Dr. Robert Ritter an die Universitätsnervenklinik in Tübingen geholt und schrieb sich auch zum Studium der dortigen Universität ein, obwohl sie kein abgeschlossenes Studium vorweisen konnte, sie arbeitete bereits als wissenschaftliche Assistentin von Dr. Ritter, sie immatrikulierte sich am 2. November 1937 in Berlin.
Das Thema ihrer Doktorarbeit von 1943 hatte ihr kein Professor vorgegeben, hier wurde sich über alle universitären und wissenschaftlichen Gepflogenheiten hinweggesetzt, ihre mündliche Befragung erfolgte durch drei Professoren in der Privatwohnung des Dr. Ritter.

Eva Justin führte im Spätsommer 1939 eine ‚wissenschaftliche’ ‚völkerkundliche Feldforschung’ im Auftrag des außerordentlichen Professors Richard Thurnwald für Ethnologie der Universität Berlin durch, er war auch einer ihrer Gutachter ihrer Dissertation mit dem Titel: ‚Lebensschicksale artfremd erzogener Zigeunerkinder und ihrer Nachkommen. Zu dieser ‚Feldforschung’ war sie für sechs Wochen in Mulfingen, in Baden-Württemberg, im dortigen katholischen Kinderheim Stankt Josefspflege. Dort befanden sich 40 Sinto-Kinder im Alter von sieben bis sechzehn Jahren. Diese Kinder waren dort konzentriert worden, nachdem die Eltern entsprechend des sogenannten ‚Asozialenerlasses’ Heinrich Himmlers vom 14. Dezember 1937 in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden. Wegen der ‚Feldforschung’ Eva Justins wurden die Kinder trotz den nunmehr geltenden ‚Auschwitzerlasses’ für Roma und Sinti nicht deportiert, um ihre ‚wissenschaftliche’ Arbeit nicht zu behindern. In ihrer Dissertation kam Justin zu dem Ergebnis, dass ‚Zigeuner’ durch ihre „mangelhaften Anpassungsfähigkeiten in der Regel doch mehr oder weniger asozial“ würden. Wörtlich schrieb sie: „Fast alle Zigeuner und Zigeunermischlinge sind durch eine mehr oder weniger große Haltschwäche (…) gefährdet. Das deutsche Volk braucht aber zuverlässige und strebsame Menschen und nicht den zahlreichen Nachwuchs dieser unmündigen Primitiven.” Aus diesen Gründen trat sie vehement für die Zwangssterilisation von Sinto- und Roma-Frauen ein. Als Justin sicher war, dass ihre Dissertation angenommen wurde und in Druck ging, wurden die Kinder am 9. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert, einige dienten dem SS-Arzt Joseph Mengele für ‚Menschenversuche’, doch der größte Teil von ihnen wurde im August des gleichen Jahres vergast; drei Kinder überlebten, sie gehörten zu den ‚Mengele-Kindern’.

Der Hinweis auf diese mangelnde Ausbildung der Eva Justin ist so entscheidend, wenn man spätere Gutachten und ihre Folgen für die Menschen, hier vor allen Dingen für Roma uns Sinti, betrachtet; und das leider nicht nur in der NS-Zeit, sondern lange darüber hinaus.

Doch die ausgewiesene ‚Rasseforscherin’ hatte bereits vorher als Assistentin des Dr. Ritters an Gutachten für die Sterilisation von Behinderten und ‚unwertem’ Leben mitgewirkt, auch war sie an Arbeiten zur Euthanasie, der sogenannten T4-Aktion im Rahmen der  ‚Rassenhygienischen und Bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle im Reichsgesundheitsamt’ (RHF) beteiligt. Nach 1943 arbeitete Eva Justin weiter als wissenschaftliche Assistentin in der RHF.
Dort unterzeichnete sie allein zwischen Februar und Oktober 1944 1.320 Rassegutachten. So schrieb sie an die staatliche Kriminalpolizei Berlin am 10. Juli 1944 über die rassische Zuordnung einer Familie von fünf Musikern aus Ungarn: “Während das Äußere der Familienangehörigen nicht gerade typisch zigeunerisch ist, sondern abgesehen von der Mutter an Neger-Bastarde denken lässt, sprachen Gestik, Affektivität und Gesamtverhalten nicht nur für artfremde, sondern gerade auch für zigeunerische Herkunft. Die unechte Art scheinbar urbanen Auftretens, die Anpassung an sich flacher emotioneller Regungen an die jeweilige Umweltwirkung, die Uneinsichtigkeit und Urteilsschwäche gegenüber sachlichen Erwägungen und Folgerungen, die Standpunktlosigkeit und Unfestigkeit innerer Stellungnahme zeugen bei aller Schläue und Verschlagenheit von einer im Kern vorhandenen hochgradigen Naivität und Primitivität, wie man sie in dieser gelockerten Art bei sesshaften Europäern mit gezüchtetem Arbeitssinn nicht trifft.“

1943 waren Ritter und seine Mitarbeiterinnen kriegsbedingt von Berlin nach Fürstenfeld umgezogen. In Fürstenfeld hatten sie in einer Führerschule der Sicherheitspolizei neues Quartier gefunden.
Am anderen Ortsende von Fürstenfeld lag das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. In den Jugendschutzlagern Moringen für männliche und Uckermark für weibliche Häftlinge waren Ritter und Justin für die Begutachtung der Jugendlichen zuständig. In den Lagern Ravensbrück, Moringen und Uckermark ‚begutachtete’ Justin Roma und Sinti; vor allem Kinder und Jugendliche.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnete Justin sich im Fragebogen des Entnazifizierungsverfahrens als politisch nicht belastet und gab lediglich die Mitgliedschaft und die Arbeit im Roten Kreuz und der Arbeitsfront zu. Die willfährigen Polizisten blieben ebenso unbehelligt wie die Wissenschaftler. Die Ritter-Mitarbeiterin Sophie Ehrhardt wurde in Tübingen Anthropologie-Professorin, ihre Kollegin Eva Justin Kriminalpsychologin und Sachverständige für schwer erziehbare Kinder. Selbst der Zigeunerforscher Ritter blieb dem Staate erhalten.
Die Stadt Frankfurt bestellte ihn 1947 zum Leiter der Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke und zum Jugendpsychiater.
Im März 1948 wurde sie, obwohl sie niemals psychologisch mit Kindern gearbeitet hatte und auch kein Examen oder einen anderen Abschluss in Psychologie besaß, als Kinderpsychologin in Frankfurt am Main angestellt. Ihr Vorgesetzter war wiederum Robert Ritter, der seit dem 1. Dezember 1947 für die Stadt Frankfurt arbeitete. In der Folgezeit erstellte sie psychologische Gutachten schwererziehbarer Kinder.
Justin und Ritter verwendeten zu dieser Zeit ihre Arbeitskraft auch darauf, die von ihnen unterschlagenen Akten des Reichsgesundheitsamtes, also die Planungsunterlagen des Völkermordes an Sinti und Roma, an Polizeibehörden und ehemalige Mitarbeiter der Forschungsstelle weiterzugeben.

Auch Ermittlungen gegen Eva Justin, die Ende der 50er Jahre und dann noch einmal in den 60er Jahren von Staatsanwaltschaften in Frankfurt am Main und in Köln aufgenommen wurden, führten nie zu einer Anklage gegen die Frau, allein auch schon, weil der Tausendfache Mord an Roma und Sinti in der jungen Bundesrepublik nicht unter dem Blickfeld des Völkermordes gesehen wurde, ganz im Gegenteil, Opfer der NS-Zeit aus diesem Kulturkreis, wurde jeglicher Opferstatus verweigert.
1960 hatte sich Justin bereits in Frankfurter Juristenkreisen einen Namen gemacht, als Sachverständige in Entschädigungsverfahren von Sinti und Roma. Sie, von der Stadt Frankfurt als Kriminalpsychologin und Jugendpsychiaterin eingestellt, galt immer noch als ‚Zigeunerexpertin’.
Zu ihrer Arbeit in der NS-Zeit befragt zeigte Eva Justin in der ‚Frankfurter Rundschau’ vom 29. April 1963 moralisch geläutert: “Heute habe ich eingesehen, daß es nicht richtig war. Ich bin gegen die Sterilisation (…) Heute bin ich der Ansicht, eine Ordnung ohne Beziehung auf Gott ist nicht möglich!” Im September 1966 verstarb die ‚Schreibtischtäterin’ Eva Justin völlig unbehelligt in Offenbach. http://sunday-news.wider-des-vergessens.de/?p=11434

People of Color – ein politischer Bündnisbegriff oder auferzwungene Selbstbezeichnung?

„For the masters tools will never dismantle the master’s house“
(Audre Lorde)

Der Begriff „People of Color“ ist ein Bündnisbegriff der Verbindungslinien zwischen Menschen herstellt,
die Rassismuserfahrungen machen. Auf solidarische Weise soll dem rassistischen weißen Herrschaftssystem entgegen getreten werden ohne Differenzen  untereinander zu homogenisieren.

Im deutschen Kontext gibt es mit der Anwendung einige Schwierigkeiten, er ist englisch und wird in einer bestimmten (überwiegen akademischen) Szene genutzt.Wir möchten darüber diskutieren,
ob wir einen Bündnisbegriff brauchen, welche Chancen und Risiken ein Bündnisbegriff  mit sich bringt
und ob „People of Color“ hierfür geeignet ist.

Wir diskutieren mit:
Emilia Roig
Filiz Demirova
Jihan Dean
Maria Virginia Gonzalez Romero
Noa Ha
Sanchita Basu
Moderation: Pasquale Virginie Rotter

FemoCo 2013
September 7th, 2013
Heinrich-Böll-Stiftung
(Gunda-Werner-Institut)
Schumannstr. 8
10117 Berlin
15.15-16.45 Uhr
Großer Saal 1

Deutschlands neue Slums – Das Geschäft mit den Armutseinwanderern

Ein Film von Isabel Schayani und Esat Mogul
Exclusiv im Ersten ARD

Dortmund im Frühsommer 2013. Zwei Gestalten laufen durch die Nacht, mit einem Bündel Habseligkeiten. Zuletzt etwas gegessen haben sie gestern, sagen sie. Wo sie schlafen werden?
Vielleicht in einem alten Transporter, im Park oder in einem Keller – wie viele andere Bulgaren und Rumänen auch.

Viele der Alteingesessenen fühlen sich in ihren Vierteln nicht mehr wohl.
Sie fürchten den Anstieg von Kriminalität, Prostitution, Menschenhandel. Manche haben Angst vor den Zuwanderern und vor denen, die mit ihnen Geschäfte machen.

Die Reportage begleitet die neuen Armutseinwanderer ein halbes Jahr lang und versuchen herauszufinden, wer an den Menschen “ganz unten” verdient.

Matratzen statt Wohnungen

Unter welchen Umständen kommen sie nach Deutschland? Wer sind die Leute, die ihnen statt Wohnungen Matratzen oder Kellerlöcher vermieten? Wer lässt sie unter unwürdigen Bedingungen arbeiten, oftmals nur für einen Hungerlohn, wie sie erzählen?

Die Reporter erleben hautnah mit, was EU-Politik für die Menschen vor Ort bewirkt.